Der Preis der Weiblichkeit
Künstlerinnen in China

artnet 2007-01-29

Künstlerinnen in China: Es gibt sie, es gab sie immer und in der Geschichte der traditionellen chinesischen Malerei steht als erster überlieferter Name der einer Frau.

Natürlich greift jede Auflistung typischer Charakteristika zu kurz, egal ob es um die Arbeiten von Künstlern oder Künstlerinnen aus China geht. Dennoch sind einige Mutmaßungen über die Ursache möglich, warum bisher so wenige Frauen den Sprung in die internationale Bekanntheit und folglich in die höhere Preisliga schafften. Soviel sei vorweggeschickt: An der Qualität der Arbeiten liegt es nicht. Und neueste Entwicklungen geben Anlass zur Hoffnung, dass es nicht mehr lange möglich sein wird, die weiblichen Beiträge zu ignorieren, wenn über Kunst aus China gesprochen wird.

Wie viel wiegt „die Hälfte des Himmels“?

Mao Zedong hatte den Frauen Chinas zugesagt, „die Hälfte des Himmels“ beanspruchen, aber eben auch „tragen zu können“ (1).
Was auf den ersten Blick nach einem starken Votum für die Gleichberechtigung der Frau klingt, erweist sich in autobiografischen Zeugnissen aus der Zeit der Kulturrevolution in erster Linie als Freifahrtschein zur rücksichtslosen Ausbeutung der Genossinnen. Jedes Recht auf das originär Weibliche wird damit eingeebnet. Zahlreiche Arbeiten chinesischer Künstlerinnen dieser Generation – entstanden nach der Öffnung des Landes Ende der 1970er Jahre – legen ein beredtes und differenziertes Zeugnis ab von der Doppelbödigkeit einer zwangsverordneten Emanzipation. Wie anders wirken die Werke der jungen Chinesinnen! Die Kulturrevolution ist für sie längst vergangene Geschichte, die nichts mehr mit ihrer Lebenswirklichkeit zu tun hat. Viele ihrer Bilder und Fotografien arbeiten mit Weichzeichner-Ästhetik. Rot, Rosa, Lila und Türkis zeugen von einem beschwingten Lebensgefühl. Andere stellen sich mit sozialkritischem Blick den gesellschaftlichen Umwälzungen in China.

Fragt man Kuratoren, Galeristen und Sammler chinesischer Gegenwartskunst nach dem Frauenanteil unter den von ihnen repräsentierten Künstlern, so kommt nicht selten Beklommenheit auf. Das Missverhältnis zwischen männlichen und weiblichen Akteuren ist offensichtlich. In der Riege der chinesischen Auktionshighlights beispielsweise taucht nicht eine Frau auf. Von den 120 Künstlern der Sigg’schen „Mahjong“-Ausstellung sind gerade einmal sechs weiblich (2), in der Ausstellung „Between Past and Future“, kuratiert von Wu Hung und Christopher Philipps, immerhin sieben von 64 Künstlern (3). Das vom Dumont-Verlag für Ende Juni angekündigte Groß-Projekt „china art book. The 80 most important Chinese Artists” (4) wird zehn weibliche Positionen aufnehmen. Auch bei den etablierten Galerien für zeitgenössische Kunst aus China sieht das Verhältnis nicht besser aus. Die Begründungen dafür sind wenig originell, meist enden sie in der Klage, es gebe eben kaum gute Kunst von Frauen. Traurige Berühmtheit erlangte diesbezüglich der Direktor des Bonner Kunstmuseums, Professor Dieter Ronte. Anlässlich der Proteste gegen das völlige Fehlen von Teilnehmerinnen an der Ausstellung „China!“ (1997) beteuerte Ronte, dass es in China keine Künstlerinnen gebe. Allenfalls im Ausland (Exilchinesinnen) seien interessante Künstlerinnen anzutreffen. (5)

Den Gegenbeweis erbrachte 1998 die Ausstellung im Bonner Frauenmuseum „Die Hälfte des Himmels“. Zusammen mit der Direktorin des Museums, Marianne Pitzen, präsentierte das Kuratorenteam Chris Weber und Qiu Ping eine geballte Ladung weiblicher Schaffenskraft. Mit geringer öffentlicher Förderung und umso mehr Eigenengagement luden sie 26 chinesische Künstlerinnen in den Westen ein. Ausstellung und Katalog zeigten bzw. zeigen eindringlich, dass der oftmals wiederholte Vorwurf gegenüber chinesischer Kunst – nämlich westliche sowie erfolgreiche chinesische Positionen nachzuahmen – nicht zutrifft. Auch fehlt fast durchgängig der vom Westen so geschätzte „Chineseness-Faktor“. Wird aber die Herkunft eigens thematisiert, geschieht dies nicht durch eine signifikante Mao-Kontur, Kraftgesten im Stil des Sozialistischen Realismus oder einen ins Bild gesetzten Pandabären. Gerade die Werke der älteren Künstlerinnen-Generation (geboren in den 1950er und 1960er Jahren) rufen einem die westliche Kategorie „autonom“ in den Sinn, will heißen, sie buhlen in ihrer formalistischen Ästhetik nicht in erster Linie um das Publikumsinteresse. Vielleicht ist es gerade das Fehlen der oftmals aggressiven Marktorientierung der männlichen Preis-Spitzenreiter, das bisher den meisten schaffenden Frauen das grelle Scheinwerferlicht der breiten Öffentlichkeit versagt hat.

Doch zeichnen sich bereits Veränderungen auf dem Spielfeld der chinesischen Kunstszene ab. In der jüngsten Künstler-Generation, den heute Mitte bis Ende 20-Jährigen, sind anteilig mehr Frauen als früher. Auch unter Kuratoren, Kritikern und Galeristen wächst der Frauenanteil langsam. Und wenn sich aller Voraussicht nach die Zeit der orientierungslosen Faszination gegenüber chinesischer Gegenwartskunst dem Ende zuneigt, wird hoffentlich der positive Begleiteffekt eines sachlicheren Blicks auf die Werke der Nach-Mao-Ära zu Gunsten der Künstlerinnen ausfallen. Schon jetzt gähnen diejenigen, die die Szene aufmerksam beobachten, wenn ihnen auf der Suche nach neuen Positionen ein wiederholter Aufguss des schon Bekannten begegnet. Nach Mao-Pop und Zynischem Realismus sind es derzeit gehäuft verschwommene Fotoadaptionen in Richter-Manier, die dem westlichen Kaufpublikum das Geld aus der Tasche ziehen wollen. Da bisher die weiblichen Akteure relativ resistent gegen diese Marktorientierung waren und quasi rücksichtslos ihre Kunst schufen, stehen die Chancen nicht schlecht, dass die Zeit für sie läuft.


1 Ausstellungskat. „Die Hälfte des Himmels. Chinesische Künstlerinnen“, Frauenmuseum Bonn, Bonn 1998, S. 24.
2 Künstlerinnen der Ausstellung „Mahjong. Chinesische Gegenwartskunst aus der Sammlung Uli Sigg“, die noch bis zum 7. Februar 2007 in der Hamburger Kunsthalle gezeigt wird: Du Jie, Lu Qing, Peng Yu, Yin Xiuzhen, Cao Fei, Kan Xuan.
3 Künstlerinnen der Ausstellung „Between Past and Future. New Photography and Video from China“ (curated by Wu Hung and Christopher Philipps): Xing Danwen, Chen Lingyang, Xiong Wenyun, Cui Xiuwen, Sun Yuan, Yin Xiuzhen, Cao Fei.
4 Uta Grosenick, Caspar H. Schübbe (Hg.), ca. 540 Seiten mit über 800 Abbildungen, dreisprachig: deutsch/englisch/chinesisch.
5 Ausstellungskat.: „Die Hälfte des Himmels“, ebd., S 31.

Chen Qingqing, Memory
Chen Qingqing (geb. 1953)
Memory, 2006
54 x 167 cm
Courtesy of Red Gate Gallery, Peking

Qin Yufen, Di Dao (Insel der Flöten)
Qin Yufen (geb. 1954)
Di Dao (Insel der Flöten), 1996
Ø ca. 17m
Achtkanal-Klanginstallation, Bambus, Sand, Lautsprecher, CD-Player, Verstärker
Postfuhramt, Berlin
Courtesy of Qin Yufen

Wu Mali, Asia (Labyrinth)
Wu Mali (geb. 1957)
Asia (Labyrinth), 1989
Holz, Farbe
1300 x 1100 x 200 cm
Abbildungsnachweis: Die Hälfte des Himmels. Chinesische Künstlerinnen der Gegenwart. Hrsg. Chris Werner, Qiu Ping, Marianne Pitzen. Ausstellungskatalog Frauenmuseum Bonn. Bonn 1998, S. 158
Verlag Frauenmuseum, Bonn
Courtesy of Frauenmuseum Bonn

Wu Mali, Asia (Labyrinth)
Wu Mali (geb. 1957)
Asia (Labyrinth), 1989
Holz, Farbe
1300 x 1100 x 200 cm
Abbildungsnachweis: Die Hälfte des Himmels. Chinesische Künstlerinnen der Gegenwart. Hrsg. Chris Werner, Qiu Ping, Marianne Pitzen. Ausstellungskatalog Frauenmuseum Bonn. Bonn 1998, S. 158
Verlag Frauenmuseum, Bonn
Courtesy of Frauenmuseum Bonn

Qin Ping, Chinesisches Tor
Qin Ping (geb. 1961)
Chinesisches Tor, 1991
Holz, Kupfer, Eisen
400 x 360 x 500 cm
Abbildungsnachweis: Die Hälfte des Himmels. Chinesische Künstlerinnen der Gegenwart. Hrsg. Chris Werner, Qiu Ping, Marianne Pitzen. Ausstellungskatalog Frauenmuseum Bonn. Bonn 1998, S. 151
Verlag Frauenmuseum, Bonn
Courtesy of Frauenmuseum Bonn

Lin Tianmiao, Gewickeltes breitet sich aus
Lin Tianmiao (geb. 1961)
Gewickeltes breitet sich aus, 1995
Mischtechnik
Werkstätte Nr. 12, Peking
Abbildungsnachweis: Die Hälfte des Himmels. Chinesische Künstlerinnen der Gegenwart. Hrsg. Chris Werner, Qiu Ping, Marianne Pitzen. Ausstellungskatalog Frauenmuseum Bonn. Bonn 1998, S. 77
Verlag Frauenmuseum, Bonn
Courtesy of Frauenmuseum Bonn

Liu Liping, Winterlotus
Liu Liping (geb. 1962)
Winterlotus, 1992
Öl auf Leinwand
130 x 97 cm
Abbildungsnachweis: Die Hälfte des Himmels. Chinesische Künstlerinnen der Gegenwart. Hrsg. Chris Werner, Qiu Ping, Marianne Pitzen. Ausstellungskatalog Frauenmuseum Bonn. Bonn 1998, S. 93
Verlag Frauenmuseum, Bonn
Courtesy of Frauenmuseum Bonn

Yin Xiuzhen, Baumpiano
Yin Xiuzhen (geb. 1963)
Baumpiano, 1995
Bäume, Seile, Steine, Wangzhuang, Hebei
Abbildungsnachweis: Die Hälfte des Himmels. Chinesische Künstlerinnen der Gegenwart. Hrsg. Chris Werner, Qiu Ping, Marianne Pitzen. Ausstellungskatalog Frauenmuseum Bonn. Bonn 1998, S. 74
Verlag Frauenmuseum, Bonn
Courtesy of Frauenmuseum Bonn

Yu Hong, She-Sichuan Girl
Yu Hong (geb. 1966)
She-Sichuan Girl, 2006
Acryl auf Leinwand
150 x 300 cm
Fotografie auf Aluminium
150 x 120 cm
Courtesy of Long March Gallery, Peking

Zhang Lei, Erhabenes Begreifen
Zhang Lei (geb. 1968)
Erhabenes Begreifen, 1996
Seide, 900 Hadas, 300 Steine, am Lhasa Fluss, Tibet
Abbildungsnachweis: Die Hälfte des Himmels. Chinesische Künstlerinnen der Gegenwart. Hrsg. Chris Werner, Qiu Ping, Marianne Pitzen. Ausstellungskatalog Frauenmuseum Bonn. Bonn 1998, S. 123
Verlag Frauenmuseum, Bonn
Courtesy of Frauenmuseum Bonn

Zhang Lei, Erhabenes Begreifen
Zhang Lei (geb. 1968)
Erhabenes Begreifen, 1996
Seide, 900 Hadas, 300 Steine, am Lhasa Fluss, Tibet
Abbildungsnachweis: Die Hälfte des Himmels. Chinesische Künstlerinnen der Gegenwart. Hrsg. Chris Werner, Qiu Ping, Marianne Pitzen. Ausstellungskatalog Frauenmuseum Bonn. Bonn 1998, S. 123
Verlag Frauenmuseum, Bonn
Courtesy of Frauenmuseum Bonn

Du Jie, 2002.6 - 2002.8
Du Jie (geb.1968)
2002.6 - 2002.8, 2002
Öl auf Leinwand
116 x 65 cm
Courtesy of Galerie Urs Meile, Peking-Luzern

Liu Liyun, Chinese Scenery
Liu Liyun (geb. 1974)
Chinese Scenery, 2003-2004
Installation, Seide
Courtesy of Johnny Judge Gallery

Chen Qiulin, Peach Flower Orchard
Chen Qiulin (geb. 1975)
Peach Flower Orchard, 2006
Installation
Courtesy of Long March Gallery, Peking

Chen Qiulin, Migration
Chen Qiulin (geb. 1975)
Migration (Exhibition view), 2006
Courtesy of Long March Gallery, Peking

Chen Lingyang, 25:00, No 1
Chen Lingyang (geb. 1975)
25:00, No 1, 2002
C-Print
120 x 228 cm
Courtesy of Alexander Ochs Galleries, Berlin- Peking

Cao Fei, PRD Antihelden
Cao Fei (geb. 1978)
Videostill aus PRD Antihelden, 2005
Courtesy of Cao Fei

Liang Yue, Ohne Titel
Liang Yue (geb. 1979)
Ohne Titel, 2005
Courtesy of Liang Yue

Jiang Miao, The Series of a Girl No. 21
Jiang Miao (geb. 1981)
The Series of a Girl No. 21, 2005
Holzschnitt
66 x 46 cm
Courtesy of Johnny Judge Gallery

Sun Guojuan, A Kind of Trace Remains
Sun Guojuan (geb. 1985)
A Kind of Trace Remains, 2006
Öl auf Leinwand
180 x 220 cm
Courtesy of Red Gate Gallery, Peking