Der europäische Blick nach China

Die Welt 2006-01-05

Ausländische Sammler und Galeristen entdeckten die Qualitäten der chinesischen Gegenwartskunst bereits in den 80er und 90er Jahren.

Mittlerweile hat der Markt für zeitgenössische chinesische Kunst eine Eigendynamik entwickelt, die in der Geschichte des Kunstmarktes kein Pendant kennt. Ausländische Galeristen, die sich auf dieses Pendeln zwischen den Kontinenten einließen, konnten sich in den letzten Jahren nicht über mangelnde Verkäufe beklagen. Allerdings leisteten sie auch eine Pionierarbeit, ohne die diese Erfolgsgeschichte nicht geschrieben worden wäre.

Bis vor einigen Jahren haftete Galerien für chinesische Gegenwartskunst noch der Verdacht des Kolonialistisch-Exotischen oder gar Esoterischen an. Nachdem aber die Präsenz dieser Werke der Nach-Mao-Ära auf den Auktionen und in den Museen nicht mehr zu übersehen ist und die Preise mit großen Sprüngen in die Höhe schnellen, versuchen auch Galerien, die sich bis dato nicht im geringsten für China interessiert haben, an dieser Entwicklung zu partizipieren. Dies führt zu abstrusen Szenarien. Da reisen Galeristen für 3-10 Tage in den fernen Osten auf der Suche nach einer Neuentdeckung mit chinesischem Namen. Man nimmt sich einen chinesischen Guide, der sich als Kunstkenner ausgibt. Eventuell ist er es auch, ob er aber dem ahnungslosen Ausländer wirklich vielversprechende Künstler vorstellen kann, ist äußerst fraglich. Wahrscheinlicher ist es hingegen, dass er ihn in die Ateliers seiner besten Freunde führt. Die Newcomer mit Zukunft werden anders entdeckt, haben mittlerweile ja auch die Wahl, von welchem Galerien sie sich vertreten lassen möchten.

Wirkliche Experten auf dem Gebiet der chinesischen Moderne haben bereits anstrengende Jahre der Aufbauarbeit hinter sich. Bekanntestes Beispiel ist der ehemalige Schweizer Botschafter in China und Sammler chinesischer Gegenwartskunst Uli Sigg. Bereits in den 80er Jahren suchte er den Kontakt zur chinesischen Kunstszene (Die Welt vom 14. Juni 2005). Während bis heute nur wenige chinesische Galeristen und Sammler von ihrer Präferenz für Tuschemalerei und alte Keramik abzubringen sind, entdeckten die ersten ausländischen Beobachter der Kunstszene bereits wenige Jahre nach dem Ende der Kulturrevolution das Potential der jungen chinesischen Kunst. Im deutschsprachigen Raum sind es vor allem vier Galerien, die seit den 90er Jahren schwerpunktmäßig chinesische Gegenwartskunst vertreten: Alexander Ochs Galleries BerlinIBeijing, L. A. Galerie Lothar Albrecht (Frankfurt am Main/Peking), Galerie Urs Meile/CAAW (Luzern/Peking) und der Schweizer Lorenz Helbling von Shanghart, der allerdings die Zelte in Europa zugunsten Shanghais ganz abgebrochen hat.

Lorenz Helbling hat seit seiner Galerieeröffnung 1996 in Shanghai ein klares Ziel vor Augen: er will der zeitgenössischen chinesische Kunst zu der ihr angemessenen Anerkennung im eigenen Land verhelfen. Ihn begeisterte die energiegeladene Künstlerszene Shanghais. Die Sammler und Käufer waren aber bis vor kurzem fast durchgängig Ausländer. „Uns geht es darum, diese Kunst in China zu zeigen, denn die Zukunft dieser Kunst liegt hier. Darum arbeiten wir auch häufig mit chinesischen Museen zusammen. Eben haben wir die erste Ausstellung für Chinesische New Media Art im National Art Museum organisiert. Dass wir auch an internationalen Messen und Ausstellungen interessiert sind, ist eher Mittel zum Zweck. Reiner Kunstexport hat mich nie interessiert. Ich sah China nie als neuen Lieferanten für den hungrigen westlichen Kunstmarkt.“ Nicht am gelddominierten „Bund“ ließ sich Helbling nieder, sondern auf dem ruinenromantischen Areal eines ehemaligen Fabrikkomplexes an der Moganshan Road. In unmittelbarer Nähe zum Suzhou River siedelten sich hier seit Mitte 2002 zahlreiche Künstler mit ihren Ateliers und Galerien mit ihren Showrooms an. Einige Künstler von Shanghart haben bereits ihren Platz in der Kunstgeschichte der Chinesischen Gegenwartskunst sicher, so z. B. Wang Guangyi (geb. 1956) mit seinen großformatigen Bildern und Skulpturen, in denen Kulturrevolutionspathos mit Slogans wie „No Art“ kombiniert wird oder Zhao Bandi (geb. 1966) mit seinen kunstmarktkritischen Satiren.

Lothar Albrecht versteht seine Galerien in Frankfurt und Peking programmatisch als ‚Boy-Scout-Galleries’. Die Zusammenarbeit mit seinem chinesischen Partner Wei Wei ermöglicht ihm den notwendigen Kontakt zur Kunstszene. Bei den Ausstellungsankündigungen tauchen zum Teil Namen auf, die man sonst noch nirgends gehört hat. Hier werden einschneidende Zäsuren in Künstler-Biographien vorgenommen. Ein Beispiel ist der zuvor völlig unbekannte Maler Huang He (geb. 1977), der bei seiner ersten Ausstellung gleich mehre Bilder verkaufte. „Ich wohne hier ganz in der Nähe der Galerie und habe dem L. A.-Team einfach mal ein paar Arbeiten von mir gezeigt. Die kamen dann in meinem Atelier vorbei und wir planten kurz darauf die Ausstellung“, erzählt der Künstler nicht ohne Stolz. Das Verkaufshighlight der Galerie sei aber eindeutig die am 18. November zu Ende gegangene Soloausstellung Zhao Nengzhis (geb. 1968) gewesen, so Albrecht euphorisch. „Die Kundenklientel für chinesische Kunst kam bis vor kurzem überwiegend aus europäischen Ländern, vor allem Frankreich und Deutschland. Aber plötzlich kaufen auch die Amerikaner verstärkt. Den neuerdings vermehrt auftauchenden chinesischen Käufern geht’s vor allem um eine Geldanlage.“

Seit 1992 hat der Schweizer Galerist Urs Meile seine Galerie im idyllischen Luzern. Ein 2003 geschlossener Partnerschaftsvertrag mit CAAW (China Art Archives and Warehouse) in Peking gewährleistet die Zusammenarbeit mit einer Institution, die durch ihren Begründer Hans Van Dijk bereits seit Mitte der 80er Jahre in direktem Kontakt mit der chinesischen Kunstszene steht. Anfang 2006 wird in der Nähe von CAAW eine eigene Galerie eröffnen. Entworfen hat das Gebäude der Künstler und Direktor von CAAW Ai Weiwei, der auch die am 16. Oktober in Bern zu Ende gegangene Ausstellung „Mahjong. Chinesische Gegenwartskunst aus der Sammlung Sigg“ mitkuratiert hat. Neben gefragten jungen Positionen der chinesischen Kunst, wie z. B. der Malerei Li Songsongs (geb. 1973), gehören die Skulpturen und Installationen Ai Weiweis (geb. 1957) und die monochromen Landschaften Qiu Shihuas (geb. 1940) zu den Highlights der Galerie. In den letzten 18 Monaten hätte sich die Marktstruktur gravierend verändert, bestätigt auch Urs Meile. „Sammler, die zuvor zwar internationale, aber eben keine chinesische Kunst gekauft haben, sind nun sehr stark daran interessiert möglichst schnell Vertreter wichtiger zeitgenössischer Positionen aus China in ihr Repertoire aufzunehmen. Manche Künstler haben jetzt schon Wartelisten bis zu zwei Jahren.“ Auf die Frage, wie er in Kontakt mit der chinesischen Kunstszene kam, verweist er auf seine 15 jährige Freundschaft mit Uli Sigg

Alexander Ochs hat sich in Berlin gerade den Traum von der ‚idealen Galerie’ erfüllt. Mit Feng-Shui-Berater an der Seite entwarf er die am 25. September eröffneten neuen Räume. Seine chinesische Galerie befindet sich in Pekings Dashanzi New Art District, einem Ende der 50er Jahre von DDR-Architekten im Bauhaus-Stil entworfenen Gebäudeareal, das bis Mitte der 80er den einst größten militärischen Komplex Asiens ausmachte. In den letzten Jahren wurde das nach seiner zentralen Ausstellungshalle kurz „798“ genannte Gelände zum absoluten ‚Muß’ eines jeden Kulturtouristen in Peking. Nicht nur viele internationale Galerien haben hier ihren Zweitsitz gefunden, auch Ateliers, Cafés, Bars und Shops verbergen sich hinter bröckelnden Fassaden und in labyrinthischen Gängen. Mit Künstlern wie Fang Lijun (geb. 1963), vertritt Alexander Ochs Galleries einen der bereits hochdotiert gehandelten Positionen chinesischer Gegenwartskunst. „Peter Ludwig erwarb vor 12 Jahren das Gemälde ‚Serie 2. Nr. 2’ des damals 30 jährigen Fang Lijun für 18.000 US Dollar. Bei Sotheby`s Hong Kong erzielte vor gut 14 Tagen eine Arbeit Fangs in vergleichbarer Größe einen Preis von 180.000 US Dollar. Nun ist die Aufregung groß. Ein wesentlicher Teil des westlichen Publikums entdeckt gerade erst die ‚neue’ chinesische Kunst und kann deshalb solche Preisentwicklungen nicht nachvollziehen. Um mal einen Vergleich zu wagen: über Neo Rauchs Preise ist kein Mensch überrascht.“

Neueinsteiger in den Markt für chinesische Gegenwartskunst können sich immer noch in relativ kurzer Zeit einen Überblick über Entwicklungen der Szene verschaffen. Nicht vergessen werden darf ja, dass hier von einem Zeitraum von ca. 25 Jahren die Rede ist. Viele Beobachter gehen so weit, die ersten 10 Jahre nach Maos Tod als Orientierungsphase der Künstler zu bewerten und die ‚international aussagekräftigen’ Arbeiten den letzten 15 Jahren zuzuordnen. Wer aber jenseits des Geldmarktes an einem Verstehen dieser Werke aus China interessiert ist, dem werden täglich mehr Fragen zur Kultur dieses Landes aufgegeben.