Brücke nach China und zurück

2005-12-14

Blitzlichtgewitter um 9.15 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Es ist der feuchtkalte Wintermorgen des 8. Dezember und beim Deutsch-Chinesischen Kunstsymposium herrscht konzentrierte Betriebsamkeit. 33 Gäste aus China haben sich in der Berlinischen Galerie eingefunden, um sich mit ihren deutschen Gastgebern über Tendenzen des aktuellen Kunstgeschehens im Allgemeinen und die Bedeutung des Expressionismus für die Entwicklung der chinesischen Gegenwartskunst im Besonderen auszutauschen.

Anlass zu dieser Veranstaltung ist das in diesen Wochen zu Ende gehende Brücke-Jubiläumsjahr und die Ausstellung Brücke - Die Geburt des Deutschen Expressionismus, die noch bis zum 15. Januar 2006 in der Berlinischen Galerie zu sehen ist. Initiiert wurde das Symposium von Fiake e.V. Die 1998 in Berlin gegründete Vereinigung hat sich die Pflege und Förderung des kulturellen Austausches, insbesondere zwischen Deutschland und China, zum Ziel gesetzt. Eine offizielle Einladung zum Symposium – ohne die es Chinesen in der Regel immer noch nicht möglich ist, ins Ausland zu reisen – hatte das Brücke-Museum ausgesprochen.

Trotz der kurzfristigen Planung war es den drei Berliner Institutionen gelungen, der aus den verschiedensten Teilen Chinas angereisten Gruppe einen würdigen Empfang zu bereiten. Man hatte an alles gedacht: Übersetzer und Übersetzungen ließen die Kommunikation wie selbstverständlich gelingen und bei der Ankündigung eines Gruppenfoto-Termins in der Pause kam schon am Anfang des Symposiums Freude auf. Auch die bei chinesischen Veranstaltungen nicht weg zu denkenden farbigen Stoffbanner, auf denen das Thema der Veranstaltung ausgewiesen wird, gab es und sie stimmten feierlich, wenn man den Tagungsraum der Berlinischen Galerie betrat. Die herzlichen Grüße, die Konrad Schmidt-Werthern als Leitungsreferent Kultur von Staatssekretärin Frau Kisseler, Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur Berlin, überbrachte, gaben dem Symposium den gebührenden offiziellen Rahmen.

Die renommierte Central Academy for Fine Arts Beijing hatte eine für den internationalen Dialog interessante Mischung von Vertretern der chinesischen Kunstszene zusammengestellt. Nicht nur Akademie-Dozenten, sondern auch Künstler und Journalisten waren mit von der Partie. Während des zweitägigen Berlin-Aufenthalts ließ man keine Minute ungenutzt, um möglichst viel vom kulturellen Angebot der deutschen Hauptstadt mitzubekommen. Doch dieser ästhetische Marathon, der unter anderem acht Ausstellungen umfasste, schien die Teilnehmer eher übermütig denn erschöpft zu stimmen. Einmal in Europa, standen nach Berlin noch die kulturellen Highlights in München und Paris auf dem Plan. In Peking sollen die Reiseeindrücke in ein von der Central Academy veranstaltetes Fortbildungsprogramm einfließen. Den internationalen Geist der Zeit einzufangen, lautet das Gebot der Stunde, um mit chinesischer Stimme am Gespräch der Kulturen teilzunehmen.

Von deutscher Seite hatte man Andreas Hueneke vom Potsdamer Kunstverein eingeladen, der die inspirierende Wirkung von Literatur und Film auf das Werk Erich Heckels aufzeigte. Prof. Karlheinz Lüdeking von der Universität der Künste Berlin machte anhand unterschiedlichster europäischer Werkbeispiele aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg evident, wie diese – mehr oder weniger verdeckt – von traumatisierenden Erfahrungen der Künstler motiviert sind. „Verdichtungs- und Verschiebungsprozesse“ im Umgang mit dem Unaussprechlichen seien so zu einem zentralen Moment dieser Arbeiten geworden.

Als erster chinesischer Referent machte Prof. Yi Ying von der Central Academy dem nicht-chinesischen Zuhörer deutlich, von welch elementarer Bedeutung für die Entwicklung der eigenen Moderne die Holzschnittbewegung um Lu Xun im Shanghai der 1920er und 30er Jahre war. Die Anti-Kriegs-Schnitte von Käthe Kollwitz hatten dem bekanntesten Schriftsteller Chinas den Anstoß zu seinen Seminaren gegeben, in denen sich Künstler durch die expressiv aufgeladene Formensprache der Kollwitz zu eigenen Statements inspirieren lassen sollten. Im Holzschnitt fanden die Intellektuellen ein Medium, die traumatisierenden Erfahrungen des Bürgerkriegs und der Demütigung durch die japanische Okkupation in eine angemessene künstlerische Form zu überführen. Die Geißel der Kulturrevolution beendete diese Entwicklung vorläufig. In den 1980er Jahren und nach dem Tode Maos war es wiederum die expressionistische Kunst des Auslands, die gierig von chinesischen Künstlern aufgesogen wurde. Der Drang nach individuellem und unzensiertem künstlerischem Ausdruck führte den Pinsel in den grellen Farben zum Beispiel eines Munch, Kirchner oder Kokoschka.

Dr. Peng Rong von der Sichuan University leistete den Sprung in die chinesische Gegenwartskunst. Hier zeigte sich auf beeindruckende Weise, in welch rasantem Tempo es die chinesische Kunstszene geschafft hat, an die aktuellen Tendenzen des internationalen Kunstmarktes Anschluss zu finden. Weder medial noch in der Palette der Werkthemen steht die jetzige Künstlergeneration ihren Mitstreitern im Ausland nach.

Prof. Chu Shuhao, ebenfalls von der Central Academy, ging sogar noch weiter. Sie nahm nicht nur die westliche Rezeption chinesischer Gegenwartskunst mit in den Blick, sondern auch die anbiedernde Haltung einiger chinesischer Künstler gegenüber potentiellen ausländischen Käufern. In diesem Sinne zitierte sie neben anderen den Künstler Sun Ping, der dieses „kulturelle Kriechertum“ in seinem Werk Chinesische Freudenmädchen – Mädchen der Gegenwartskunst problematisiert: „Heutzutage sind manche Künstler schon zu Prostituierten herabgesunken. Sie tun zwar nicht genau das gleiche, aber dem Wesen nach verkaufen sich beide.“ Die Verve der Vertreterin der jungen Dozenten-Generation an der Academy lässt hoffen, dass die Zeiten vorbei sind, in denen unter den chinesischen Kunst-Mäzenen, Galeristen, Museumsdirektoren und Sammlern nicht das geringste Interesse an der als „bourgeoiser Müll“ denunzierten Gegenwartskunst des eigenen Landes herrschte. Sich argumentativ an die Seite Jean Baudrillards stellend, vertraut Chu auf eine Zukunft, die der Kunst der Gegenwart ihren kunsthistorischen Stellenwert zuteilen wird.

An nur einem Vormittag ließ das Symposium im Zeitraffer die Kunstentwicklungen Chinas und Deutschlands seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts Revue passieren. Sehr klar stand danach jedem Teilnehmer vor Augen, mit welch leidenschaftlicher Begeisterung man in China in und nach Zeiten der intellektuellen Beschneidung Kraft schöpfte im Blick über die Grenzen der eigenen Kultur hinaus. Wie die Zeugnisse dieser Rezeptionsphasen deutlich machen, ging es dabei nie um plumpes Kopieren, sondern darum, durch den Umweg über das Fremde zur eigenen künstlerischen Formensprache zu finden.

Was bei diesem ersten Zusammentreffen in der Berlinischen Galerie allerdings noch nicht zur Sprache kam, ist die umgekehrte Laufrichtung auf dem roten Teppich. Unleugbar schätzten europäische Kunstliebhaber bereits in den 1920er und 30er Jahren die Werke aus dem fernen Asien, vermittelte doch beispielsweise die kontemplative Stimmung der chinesischen Landschaftsmalerei den Jugendstilanhängern einen ihnen fremden Zugang zur Natur. Zahlreiche Ausstellungen in Frankreich, England, Österreich, den Niederlanden und Deutschland lösten wahre Begeisterungswellen beim europäischen Publikum aus. Und wie ist die Gier des internationalen Kunstmarktes nach neuesten Arbeiten aus China zu erklären? Ist es nicht auch die Faszination einer energetisch einzigartigen Kunstszene, der es zukommt, an der Konstitution einer im Umbruch befindlichen Gesellschaft mitzuwirken? Die Schlussworte von deutscher und chinesischer Seite jedenfalls stimmten zuversichtlich, dass der begonnene Dialog eine Fortsetzung finden wird.

Auf vier Veranstaltungen im nächsten Jahr sei an dieser Stelle bereits hingewiesen:

Fang Lijun – Holzschnitte und Zeichnungen
Kupferstichkabinett Berlin
27.1-17.4.2006

Beijing Case
Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe
Frühjahr 2006

China – Zwischen Vergangenheit und Zukunft
Haus der Kulturen der Welt Berlin
24.3.-14.5.2006

Mahjong. Chinesische Gegenwartskunst aus der Sammlung Sigg
Hamburger Kunsthalle
Herbst 2006