Dabei sein, bevor es vorbei ist? Vom Aufstieg und prognostizierten Ende des China-Kunst-Booms ( en )

The Asia Pacific Times. A monthly newspaper from Germany, 2007-12

Kaum hat das breitere Kunstpublikum die chinesische Gegenwartskunst registriert, wird in Fachkreisen spekuliert, wann der hungrige internationale Kunstmarkt nach einem neuen Exotikum verlangt. Heute China, morgen Indien? Unbeirrt von einer solchen Fast-Food-Gesinnung agieren diejenigen Sammler, Galeristen und Kuratoren, deren Engagement für die Künstler des Reichs der Mitte begann, als dies noch ein idealistisches Unterfangen und keine Goldgrube war.

Zum ersten Mal hat das Werk eines chinesischen Künstlers der Nach-Mao Ära die Vier-Millionen-Euro-Hürde überwunden. Am 12. Oktober wurde Yue Minjuns Execution bei Sothebys für 4,2 Millionen Euro verkauft. In plakativ-flächigem Malstil zeigt der Künstler zwei Gruppen geklonter junger Männer vor einer roten Mauer. Mit einer widernatürlichen Vielzahl an Zähnen lachen sowohl diejenigen schallend, die gestisch eine Schussposition einnehmen, als auch die vor ihnen aufgereihten und dem Tode Geweihten. Offensichtlich ist neben dem Bezug zu Francisco de Goyas Die Erschießung der Aufständischen am 3. Mai 1808 derjenige zur blutigen Niederschlagung der Proteste im Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Vielleicht ist Yues Werk 1995 tatsächlich mit einer kritischen Intention entstanden. Bei heutiger Betrachtung verliert es an Glaubwürdigkeit, zumindest bei jenen, die verfolgten, dass der Künstler in den Folgejahren allzu oft die Grundidee seines Alles und Jeden verlachenden Alter Ego in Szene setzte. In den letzten Jahren war es zudem kein Einzelfall, dass Künstler ganz offensichtlich die Klaviatur des Marktstrategen bedienten, zu dessen Kalkül auch das Spiel mit dem allseits bekannten Zensurkatalog gehört – das Tiananmen-Massaker ist bis heute Tabu.

Aussagen über die Infrastruktur der chinesischen Kunstszene haben eine kurze Verfallszeit. Nicht nur die Anzahl der Künstler, die auf internationalen Auktionen gehandelt werden, steigt kontinuierlich, auch die Breite der sie vertretenden Galerien und Sammler ist unübersichtlich geworden. Hieß es bis vor einigen Jahren noch, dass die Förderer und Käufer chinesischer Gegenwartskunst nahezu ausschließlich aus dem Westen kämen, so hat nicht zuletzt die erste Messe für zeitgenössische Kunst aus Asien ShContemporary (6. – 9. September 2007, Shanghai Exhibition Center) auch diese Konstellation in die Mottenkiste der Geschichte verwiesen. Immer mehr Asiaten und unter ihnen Chinesen zeigen Interesse an der jungen Kunst ihrer Heimat. Die Beweggründe sind hier, wie auch im Westen, nicht immer ideeller Natur. Kunst ist eben schlicht ein schickes Spekulationsobjekt.

In Deutschland gehört der in Berlin lebende Künstler, Kurator und Kunstkritiker Andreas Schmid zu den Pionieren, die bereits in den 1980er Jahren in Chinas Kunstszene unterwegs waren. Zusammen mit dem 2002 verstorbenen Experten für chinesischer Gegenwartskunst, dem Belgier Hans van Dijk, wählten sie auf ihren Reisen durch die Provinzen Chinas die Künstler für die 1993 im Berliner „Haus der Kulturen der Welt“ gezeigte Ausstellung China Avantgarde aus. „Damals konnte keiner ahnen, dass es zu einem solchen ‚Hype’ kommen würde“, so Andreas Schmid. „Oftmals handelte es sich auch um schwer verkäufliche Werke: temporäre Installationen, Performance-Fotografien oder -Videos. Das Besondere war die euphorische Aufbruchstimmung und das gesellschaftspolitische Engagement. Geld spielte dabei eine sehr geringe Rolle.“

Seit 1997 trieb die Faszination für Kunst aus China auch den Berliner Galeristen Alexander Ochs dazu, neben anderen Künstlern aus Asien schwerpunktmäßig chinesische zu vertreten. 2004 gründete er den „White Space“ in Peking, dessen Leitung Ochs mittlerweile gänzlich der Künstlerin Tian Yuan anvertraut hat. Die Rede vom allseits beschworenen China-Kunst-Boom relativiert Ochs energisch. China habe sich nun lediglich den Platz auf dem internationalen Markt erobert, der ihm gebühre. „Wenn wir akzeptieren, dass China Teil der Welt ist, werden wir auch das Geld, das in diesem Teil der Welt verdient und ausgegeben wird, akzeptieren müssen.“, so Ochs. Vorbei sei die Zeit, so der Galerist, in der die chinesische Kunstszene von außen bestimmt wurde.

Auch der Schweizer Galerist Urs Meile arbeitet in einem westlich-chinesischen Team. Mitte der 1990er Jahre reiste er zum ersten Mal nach China. Initiator der Exkursion war Meiles langjähriger Freund, der ehemalige Schweizer Botschafter in China Uli Sigg, dessen Sammlung chinesischer Gegenwartskunst mittlerweile mehr als 1600 Werke umfasst. Über Sigg lernte Meile auch seinen jetzigen Partner, den Künstler, Architekten und Kuratoren Ai Weiwei kennen. „Ai Weiwei“, so Meile, „ist einer der Gründungsväter der chinesischen Gegenwartskunst. Ohne starken chinesischen Partner hat man hier keine Chance. Man würde an der Oberfläche abprallen, keinen Zugang zur chinesischen Kultur und eben auch zu den Künstlern kriegen.“

Auf der diesjährigen Documenta in Kassel war Ai Weiwei gleich mit drei Projekten präsent. So lud er im Rahmen von Fairytale 1001 Chinesen für eine Woche nach Kassel ein und nannte diesen provozierten ‚Culture Crash’ ein „sozial-politisches Readymade“. Analog dazu gruppierte er 1001 antiquarische Stühle zu Ruhe spendenden Oasen und bildete aus ebenfalls 1001 Türen und Fenstern traditioneller Gebäude der Ming- und Qing-Dynastie (1368 – 1911) den Hohlraum eines Tempel-Pavillons nach – eine Skulptur, die äußerst medienwirksam gleich in den ersten Tagen des kulturellen Großevents zusammenbrach.

Für das Tempo, mit dem nicht nur Peking sein Gesicht wandelt, sondern auch Lebensläufe gravierend umgeschrieben werden, findet sich kaum ein Vergleich. Gespräche mit Künstlern markieren immer wieder dieselben einschneidenden Geschehnisse. Sie berichten vom verbotenen Agieren im Untergrund vor und in den ersten Jahren nach der Öffnung Chinas, der anschließenden Aufbruchstimmung und der traumatisierenden Wirkung, die die gewaltsame Niederschlagung der Protestbewegung am 4. Juni 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens nach sich zog. Viele Künstler verließen China gen Westen. Diejenigen, die im Lande blieben, zogen sich aus der Öffentlichkeit zurück. Nahe dem alten Sommerpalast in Peking wurde das Künstlerdorf Yuan Ming Yuan zum kreativen Schonraum, so auch für Yue Minjun. Gemeinsam und jeder für sich suchte man hier nach Ausdrucksmöglichkeiten für ein Lebensgefühl, was diskrepanter kaum sein könnte: überbordende Kraft bei gleichzeitiger äußerer Erstarrung. Es entwickelte sich die Stilrichtung des „Zynischen Realismus“, ein Label das Chinas bekanntester Kunstkritiker Li Xianting schuf. Grelle Farben und hysterisch überzeichnete Menschen – wie wir sie exemplarisch in Yue Minjuns Execution sehen – sind typische Charakteristika dieser Phase der Chinesischen Gegenwartskunst.

Für die jüngeren Vertreter der chinesischen Kunstszene ist das schon wieder Schnee von gestern. Künstlerinnen wie Cao Fei, die auf nahezu allen aktuellen Ausstellungen chinesischer Kunst gezeigt wird, fokussieren in ihren Projekten das China des Hier und Jetzt. So fragt sie in ihrem Video-Projekt Whose Utopia danach, was von den Träumen junger Menschen bleibt, wenn Sie in Großfabriken am Fließband stehen. Auf der diesjährigen Venedig-Biennale führte sie die Besucher in die virtuelle Welt des Computerspiels Second Life und macht ansatzweise erahnbar, wie sich diese Form der Freizeitgestaltung auf das Alltagsverhalten nicht nur chinesischer Jugendlicher auswirkt. Auch die schrill-bunte Manga- und Anime-Kunst aus China zeugt von einem Lebensgefühl, dass sich in vieler Hinsicht nicht von dem internationaler Gesinnungsgenossen und -genossinnen unterscheidet.

Fragt man Galeristen und Sammler nach ihren Prognosen über den möglichen Fortgang des China-Booms, so wagt keiner einen Ausblick über die nächsten fünf Jahre hinaus. Bis dahin werde das internationale Interesse wohl noch anhalten, ist die einhellige Aussage. Welche Auswirkungen haben aber die derzeitigen Entwicklungen für Uli Sigg, dessen einzigartige und unter kunsthistorischen Kriterien gewachsene Sammlung bis in die Zeit der Kulturrevolution zurückreicht? In seinem Besitz befinden sich sowohl Propagandaplakate und -filme, als auch Arbeiten der jüngsten Künstlergeneration. Da in China erst seit einigen Jahren ein derartiges Interesse besteht und Zeugnisse aus den 1970er, 1980er und sogar 1990er Jahren schlicht kaum mehr existieren, kommt Sigg eine ihm sehr wohl bewusste Verantwortung zu: „Ich möchte die Sammlung irgendwann nach China zurückgeben,“ so Sigg. „Bisher habe ich allerdings noch nicht die notwendigen Rahmenbedingungen gefunden. Grundsätzlich bin ich zuversichtlich, was die Zukunft der chinesischen Gegenwartskunst angeht. Es gibt einfach hervorragende und nachhaltig bedeutsame Kunst in China. Natürlich gibt es auch Mitläufer. Es wird einen natürlichen Regulierungsprozess geben, nach dem Werke von chinesischen Künstlern ganz selbstverständlicher Teil der internationalen Kunstszene sein werden.“


Erstveröffentlichung: The Asia Pacific Times. A monthly newspaper from Germany

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