Aufschwung im Zeichen der Kunst | Ordos Art Museum ( en )

Capital 06, Guide China, 2008-02

Der Unternehmer und Kunstsammler Cai Jiang läßt im mongolischen Ordos eine Stadt der Superlative bauen

Geschichte wird gemacht, bevor sie geschrieben wird. Nachdem China aus der zwangsverordneten Starre der Kulturrevolution erwachte und die Partei ‚individuellen Erfolg’ und ‚Wohlstand’ zu wünschenswerten Erscheinungen des zukunftsorientierten Reichs der Mitte erklärte, sind es Menschen wie der mongolische Unternehmer und Sammler Cai Jiang, denen es nicht länger reicht, bloß wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Kulturelles Engagement und die Mitgestaltung des unmittelbaren Lebensumfeldes sind auch in China zum Prestigefaktor geworden. Auf Cais Initiative hin startete im vergangenen August das Städtebauprojekt Ordos 100 mit der Eröffnung des Ordos Art Museums. Der Masterplan für die in den folgenden Jahren in dessen Umfeld entstehende Stadt liegt in den Händen des seit seinem Beitrag zum Bau des Pekinger Olympiastadions auch als Architekten bekannten Künstlers Ai Weiwei.

Ein neuer Eintrag auf der ‚Landkarte der Kunst und Kultur’

Knapp zwei Flugstunden von Peking entfernt liegt Ordos, eine bezirksfreie Stadt im Südwesten des Autonomen Gebietes Innere Mongolei. 2001 aus der Zusammenlegung der vormaligen Siedlung Dongsheng hervorgegangen, bezeichnet das Ordos-Plateau die umliegende Steppen- und Wüstenlandschaft. Bisher bekannt für seinen Reichtum an Kohle und Erdgas ist der wirtschaftliche Aufschwung und die steigende Lebensqualität durchaus beobachtbar, Anziehungspunkt für internationale Kulturtouristen war Ordos aber bisher nicht. Das soll sich ändern, findet Cai Jiang.

Entschieden in China noch bis vor einigen Jahren die Partei und die in ihrem Sinne agierenden Institutionen über die Stadtentwicklung, so ist es im Falle von Ordos 100 die Vision und Finanzkraft eines Einzelnen, die zur Antriebsfeder eines für 30.000 Einwohner geplanten Stadtkomplexes wurden. Bis zu 100 Architekten aus aller Welt – unter ihnen die britisch-irakische Architektin Zaha Hadid und Canon Design aus Schanghai – sollen mit ihren Entwürfen für multikulturelles Flair sorgen. Mit der Vorauswahl der Architekten betraute Ai Weiwei die Schweizer Herzog & de Meuron. In konkreter Planung befinden sich bisher die ersten der 100 individuell gestalteten Villen, ein Hotel, ein Business-Center, eine Hochschule für Medien, Architektur und Design und sogar ein Opernhaus. „Die Mongolei hat eine lange Tradition“, erläutert Cai seine persönlichen Beweggründe. „Die meisten Tempel sind aber zerstört, die für die Mongolei legendären ‚grasslands’ auf dem Ordos-Plateau weitestgehend durch Überweidung zur Sandwüste degeneriert. Und auch das typische Nomadenleben, wie ich es selbst noch kennengelernt habe, wird immer mehr zu einer aussterbenden Lebensform. Ich möchte mit Ordos 100 erreichen, dass die Mongolei auf der ‚Landkarte der Kunst und Kultur’ ihren Eintrag findet und somit auf einem neuen Terrain an Bedeutung gewinnt.“ Dies ist unbestritten ein gewagter Wurf, doch stellt sich gleichzeitig die Frage nach dem Originären dieses bislang nur in der Imagination existierenden Ortes. Erfahrungsgemäß birgt all zu viel Globalisierung auch zwangsläufig die Gefahr der nationalen Konturlosigkeit.

Das chinesische Bürgertum und die Gegenwartskunst

Aussagen über den Status quo Chinas haben eine kurze Halbwertszeit. Hieß es noch in den 1990er Jahren, chinesische Sammler und Museen interessierten sich nicht für die Kunst der Nach-Mao Ära, so zeigt unter anderem die Sammleraktivität des Minenbesitzers und Betreibers einer Rinderzucht Cai Jiang eine diesbezügliche Trendwende an. Dass es bei dem Projekt Ordos 100 um mehr geht als um eine Gewinn bringende Investition, macht Cais Entscheidung deutlich, als erstes Bauvorhaben ein Museum für Gegenwartskunst in Auftrag zu geben. „Die zeitgenössische Kunst ist ein wichtiger Teil meines Lebens“, erzählt er auf der Autofahrt zu seiner Rinderfarm „Die meisten meiner Freunde sind Künstler. Oftmals kaufe ich Werke aus sehr persönlichen Gründen, weil ich z. B. einen noch unbekannten Künstler unterstützen will, oder weil mich ein Werk an etwas mir Wichtiges erinnert.“ Dementsprechend umfasst seine stetig wachsende Sammlung sowohl etablierte chinesische Positionen wie Xu Bing, Fang Lijun, Wang Guangyi und Cai Guoqiang, einige westliche Positionen, aber auch Bilder traditioneller mongolischer Maler. Für die Eröffnungsausstellung des Ordos Art Museums lud Cai den Berliner Galeristen Alexander Ochs und seine chinesische Partnerin Tian Yuan ein, eine Schau aus seinen Beständen zu kuratieren. Unter dem Titel „Arrogance and Romance“ trafen neu angekaufte Arbeiten von z. B. Jörg Immendorf und Stephan Balkenhol auf ihre chinesischen Zeitgenossen. „Das Ordos Art Museum markiert das neue Profil der Stadt Ordos“, so Cai Jiang. „Ich will ein Pendant zum nahegelegenen Baotou schaffen, einem der wichtigsten Industriestandorte Chinas. Ordos soll Besucher aus aller Welt anziehen.“

Nach einer zweistündigen Fahrt über holprige Straßen und einem nicht abreißenden Strom von Kohlelastern erreichen wir Cai Jiangs Farm auf dem Ordos-Plateau, die 2000 australische Milchkühe umfasst. Selbstbewusst deutet er auf die Biogasanlage aus Deutschland. „In China ist die Milchindustrie ein stark expandierender Markt. Mir geht es aber auch um die Qualität der Milch. Mein Ziel sind westliche Bio-Standards.“ Beim anschließenden Tee lässt er seine Übersetzerin fragen, ob wir verstanden haben, welche Parallelen es zwischen seiner Kunstsammlung, Ordos 100 und seiner Farm gibt. Ja, wir haben verstanden, dass die Zeiten, in denen sich China vom Westen abschirmte und im nach innen gerichteten Blick seine Stärke suchte, vorbei sind.

Eine Schlange in der Wüste: das Ordos Art Museum

Vom Reißbrett bis zum Richtfest brauchte das Ordos Art Museum mit seiner Ausstellungsfläche von 2.700 Quadratmetern gerade einmal sieben Monate. Während die zum Museumstrakt gehörenden Artist-in-Residence-Gebäude unter der Regie Ai Weiweis in der aus Peking bekannten Bauweise traditioneller Hofhäuser entstanden, engagierte Cai für den Entwurf des Museums die noch recht unbekannte junge chinesische Architektin Xu Tiantian. Das sich schlangenförmig im Wüstensand windende Gebäude aus grauem Naturstein und großen Glasflächen, die den Blick in die umgebende Landschaft freigeben, ist angelehnt an das Aussehen einer Viper. Über eine eigens dafür angelegte Straße nähert man sich dem imposanten Bau. Auch die verschlungene Wegführung im Inneren des Museums stimmt beschwingt. Der Blick auf technische Details jedoch macht die Geschwindigkeit sichtbar, in der hier der Eröffnung entgegengearbeitet wurde. Leider ein allzu sehr chinesisches Phänomen. Sich dieses Problems durchaus bewusst, ist Cai bereits auf der Suche nach Lösungen für z. B. die Belüftungstechnik. „Wichtiger ist doch, dass das Museum überhaupt gebaut wurde, oder? Außerdem wollte ich der jungen Architektin eine Chance geben. Alles andere wird so lange verbessert, bis es perfekt ist.“ In diesem Moment wird die Differenz zwischen westlicher und chinesischer Herangehensweise spürbar. Anstatt jahrelanger Planungen, Berechnungen und Genehmigungen schreitet man in China unverzüglich zur Tat. Hier wäre eine wechselseitige interkulturelle Annäherung durchaus produktiv.

Zwischen Respekt und Irritation

Wie passen die heterogenen Bilder dieser Reise zusammen? Im Wohnhaus von Cai Jiang sind die hier ein- und ausgehenden Gäste umgeben von zeitgenössischer Kunst, Zeugnissen des alten China, einem riesigen Mao-Poträt, Fotos auf denen Cai Hu Jintao die Hand schüttelt und einer Bibliothek, die von internationalen Kunstbänden über Architekturzeitschriften bis hin zu Interieurmagazinen reicht. Wir treffen einen Deutschen, der in Baotou den Aufbau eines Stahlwerks betreut, den Schweizer Erich Disherens und seine chinesische Frau, die erst kürzlich in Shanghai das Architekturbüro EXH gründeten und gerade ihren Villen-Entwurf vorstellen, dann kommen gleich noch chinesische Freunde und am Telefon ist der Pekinger Künstler Yang Shaobin. Der Tisch füllt sich mit zahllosen Speisen und mantraartig wird der chinesische Trinkspruch „gan bei“ wiederholt, was so viel heisst wie „austrinken in einem Zug“. Ob sich das Projekt „Ordos 100“ als städtebauliche Umsetzung der gegenwärtig in China allenthalben propagierten „harmonischen Gesellschaft“ oder hybride Parallelwelt entpuppen wird, entzieht sich der momentanen Vorstellungskraft.


Erstveröffentlichung: Capital 06, Guide China