Ich will doch bloß spielen | Animamix Hyper-Link

Kunstzeitung 2008-02

In Pekings Moon River Cultural Creativ Industry Zone führt die Ausstellung Animamix Hyper-Link ins Reich der ewigen Jugend

Im Westen war es das tonnenschwere, Hanging Heart von Jeff Koons, das – für 21 Millionen Dollar bei Sotheby’s an den Sammler Larry Gagosian verkauft – nachdenklich stimmte. Wie lässt sich der Wert dieses überdimensionierten Christbaumschmucks mit nur einigermaßen plausiblen Argumenten rechtfertigen? Doch, warum moralinsauer als Spielverderber agieren, hat Jeff Koons mit diesem Werk doch zum Ende des Jahres konzentriert auf den Punkt gebracht, was die Herzen vieler Kunstmarktspieler höher schlagen lässt. Es ist der Kick des Dabei-Seins, des Gewinnens und Überbietens. Kunstmarkt statt Spielbank? Falsch, denn bleibt vom Kasino-Besuch wiederum nur Geld zurück, oder eben keines, so beschert der Kunstkauf eine vorzeigbare Trophäe.

Die arabischen Emirate und China begnügen sich indes nicht mehr mit dem Kaufrausch in stickigen Messehallen oder bei adrinalin-schwangeren Aukionen. Kurzerhand werden Inseln aufgeschüttet und Städte, samt Museen und Opernhäusern, aus dem Nichts gezaubert. Am 23. Dezember eröffnete nun die Ausstellung Animamix Hyper-Link in Pekings noch unvollendeter Moon River Cultural Creativ Industry Zone. Eine knappe Autostunde vom Stadtzentrum entfernt, kündigt schon von Weitem ein Schild die Sphärengrenze zwischen chinesischer Realität und Fiktion an. Eine Allee, gesäumt von weißen, klassizistischen Säulen, führt durch das eklektizistische Gebäudeensemble a la Souns Souci. Bis zum diesjährigen olympischen Sommer soll das Areal weitestgehend fertiggestellt sein. Neben einem Art-Hotel, Skulpturen-Wandelgang, Golfplatz und Wellness-Center, steht ein Museum für zeitgenössische Kunst (MoCA) auf dem Plan, dessen zukünftige Direktorin Victoria Lu den Begriff „Animamix“ (Animation + Comics) kreierte und die darunter subsumierte Kunst bereits seit 2004 international zeigt. Nach ihrem Animamix-Beitrag zum eArts-Festival in Shanghai im Oktober letzten Jahres zeigt sie nun ‑ in vorerst temporären und eher pragmatisch denn euphorisch stimmenden Räumen ‑ eine Auswahl jener „für die creative-industry des 21. Jhds. höchst bedeutsamen Werke“ (Victoria Lu).

Nur einige wenige Namen der präsentierten Künstler sind bereits international bekannt. Diese Positionen sind es aber auch, die qualitativ sofort als überzeugend ins Auge springen. So nimmt der Pekinger Künstlers Wang Mai (geb. 1972) mit seinen detailverliebten, handwerklich ausgeklügelten und aus so biederem Material wie Holz und Metall gebauten Astronautengestalten den rücksichtslosen Raubbau an den Gütern der Natur ins Visier und nennt die Installation The Fertility of Capitalism. Das absolute Highlight wäre sicherlich die an Oskar Schlemmers Triadisches Ballett erinnernde, multifunktionale Riesen-Spieluhr des in Taipei geborenen, seit seinem Studium aber in Köln lebenden Künstlers Tsu-Hsun Lee (geb. 1973) gewesen. Leider scheute man dann doch in letzter Instanz den Transport der filigran gearbeiteten Installation.

Als erstes Charakteristikum der Animamix-Ästhetik betont Victoria Lu den Jugendkult des 21. Jhds. Schlussendlich geht sie soweit, „Animamix mit seinen starken Wurzeln in der asiatischen Kunst“ ‑ als Wegbereiter des modernen Manga gilt der japanische Arzt Osamu Tezuka (1928–1989) – „zu einer der wichtigsten Ressourcen der zukünftigen globalen Kunstszene“ zu ernennen. Dies mag Ansichtssache sein. Problematisch wird es allerdings, wenn gerade ein Kunst-Genre, das, bis auf wenige Ausnahmen, den realitätsfernen Schonraum des Fantasy sucht, von der Propagandaabteilung der Kommunistischen Partei gefördert wird – der Fall bei dem letzten und nun jährlich stattfindenden eArts-Festival in Shanghai. Soll hier die rosa Brille der Kunst den Blick vernebeln auf die realen Zustände im eigenen Land?


Erstveröffentlichung: Kunstzeitung Februar 2008