Am Nerv der chinesischen Zeit

Kunstzeitung 2008-04

Das Ullens Center for Contemporary Art (UCCA) in Peking fördert die chinesische Gegenwartskunst

Bis vor einem knappen Jahrzehnt wurden zeitgenössische chinesische Künstler vorwiegend von ausländischen Galeristen vertreten und ihre Werke häufiger im Ausland denn in China gezeigt. Diese Zeit ist vorbei. Die chinesische Kunstszene ist sichtlich bestrebt ihre Defizite – verursacht durch das Vakuum der Kulturrevolution und radikale Restriktionen der Regierung – aufzuholen. Eine stetig wachsende Anzahl von Kunstmagazinen, Symposien zu Fragen der chinesischen Kunstgeschichte und die zunehmende Gründung chinesischer Museen, Galerien und Projekträume sind Zeugen einer Emanzipation von der Deutungshoheit des Westens. Genau an diesem Punkt setzt – vermeintlich paradox – das im vergangenen November von dem belgischen Sammlerpaar Guy und Myriam Ullens im Pekinger Kunstquartier 798 gegründete UCCA an.

Der französische Architekt Jean-Michel Wilmotte verwandelte das 8000 Quadratmeter große und in den 1950er Jahren von DDR-Architekten gebaute Industriegebäude in einen White-Cube mit allen Finessen modernster Museumstechnik. Die Eröffnungsausstellung des UCCA führte unter dem Titel 85 New Wave zurück zum Beginn der chinesischen Kunst der Nach-Mao-Ära, während gleichzeitig eine Schau des amerikanischen Konzept-Künstlers Lawrence Weiner das geschriebene Wort zum Medium der Kunst erklärte. West und Ost begegneten sich hier auf engstem Raum. Ein hochkarätig und international besetztes Symposium machte ebenfalls Nägeln mit Köpfen. Filme, Künstlergespräche und Förderprogramme für chinesische Kuratoren und Kunstkritiker werden auch in Zukunft das Begleitprogramm zu den Ausstellungen bilden.

Schon einige Wochen nach dem pompös gefeierten Startschuss zeigte sich die entsprechende Wirkung in der internationalen Presse: Respekt vor dieser einzigartigen Leistung. Augenscheinlich wissen die Initiatoren und ihr Beraterteam, wo es der chinesischen Kunstszene noch an know how fehlt. Und dennoch: es bleibt die problematische Konstellation aus dem einerseits höchst verständlichen Autonomiebestreben der chinesischen Kulturschaffenden und dem anderseits verlockenden, aber in neue Abhängigkeiten führenden Angebot aus dem doch so fortschrittlichen Westen.

Auszüge aus dem aktuellen Programm

  • House of Oracles: A Huang Yong Ping Retrospective (22. März – 1. Juni 2008)
  • Stray Alchemists. Eine Gruppenausstellung mit Matt Bryans, Amy Granat, Takeshi Murata, Robin Rhode, Sterling Ruby and Lim Tzay Chuen (8. März - 13. Juli 2008)
  • Won Ju Lim: New Work. (Juli - Oktober 2008)
  • Rebecca Horn: Thunder Of Dew Between Moon And Sun (November 2008 - Januar 2009)

Ullens Center for Contemporary Art (UCCA), Beijing

Erstveröffentlichung: Kunstzeitung