Kulturtransfer als Mega-Performance
1001 Chinesen auf der Documenta

Informationsdienst KUNST, Nr. 371, 2007-02-22

Werfen wir unsere Maßstäbe kurzerhand über Bord. In China interessiert man sich nicht dafür, was im Westen als realisierbar gilt. Oder man nutzt genau diese vermeintlichen Grenzen des Machbaren als Spielkarte fürs eigene Szenario. Und so bleibt nur eine Haltung: Staunen und Abwarten.

Tausendundein Chinese sollen die diesjährige Documenta besuchen. Nein, nicht etwa als Einzeltouristen, sondern als vom Künstler, Kurator, Kritiker und Architekten Ai Weiwei geladene Teilnehmer einer Mega-Perfomance. „Das ist kein Scherz“, beteuert der Schweizer Galerist Urs Meile. Sein Part ist die Finanzierung und institutionelle Organisation im Westen. Ganz abwegig nämlich ist eine solche Befürchtung nicht, hatten doch die chinesischen Künstler Yan Lei und Hong Hao 1997 einhundert gefälschte Documenta-Einladungen unter ihren chinesischen Kollegen in Umlauf gebracht. Die Rechnung ging auf, der Wirbel sowohl auf chinesischer als auch auf deutscher Seite war immens.

In Ai Weiweis Pekinger Projekt-Laboratorium laufen die Leitungen heiß, Fernsehjournalisten aus Deutschland reihen sich ein in den nicht abreißenden Strom von Interview-Terminen. Dieser Belagerungszustand ist für alle hier Arbeitenden Alltagsgeschäft. Gehört Ai Weiwei (geb. 1957 in Peking) doch zu den wichtigsten Autoritäten der chinesischen Avantgarde. Als Sohn des bekannten und während der Kulturrevolution in Ungnade gefallenen Dichters Ai Qing, prägte der kritisch-distanzierte und künstlerisch umgesetzte Blick auf die politische Situation Chinas bereits seine Kindheit. Ein 12jähriger New York-Aufenthalt schärfte diese Optik zudem. 1993 nach Peking zurückgekehrt, gründete er zusammen mit dem Belgier Hans van Dijk die China Art Archives and Warehouses (CAAW), deren Hauptziel die Dokumentation und Archivierung von Werken der Chinesischen Gegenwartskunst ist. Künstlerische Arbeit, organisatorische, kuratorische und kunstkritische Tätigkeiten sind für Ai Weiwei nur verschiedene Ausdrucksformen des kreativen Umgangs mit historischem Wissen, eigenen Erfahrungen und dem Bestreben dieses Potential gegenwärtig einzusetzen. In diesem Sinne ist auch seine Zusammenarbeit mit den Architekten Herzog de Meuron am sich im Bau befindenden Pekinger Olympia-Stadium zu verstehen.

Die Pläne für die Documenta-Intervention werden von verschiedenen Arbeitsgruppen und unter der Leitung von Ai Weiwei konkretisiert. Wie soll sich die Gruppe zusammensetzen? Was genau soll vor Ort passieren? Und – nicht unwesentlich ‑ wie besorgt man die Aufenthaltsgenehmigungen und transportiert 1001 Personen von China nach Kassel? „Dies,“ so Ai Weiwei im Gespräch, „ist ein Experiment. Im Zentrum steht das Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen. Ein wichtiger Teil des Projekts wird die detaillierte Dokumentation der erfolgenden Interaktionen sein. Wir wollen Chinesen einladen, die noch nie im Ausland waren und zum größten Teil keine Fremdsprache beherrschen. Gleichzeitig muss gewährleistet sein, dass die Leute gut versorgt sind. Wichtig zu betonen ist, dass wir die Teilnehmer nicht bezahlen. Wir übernehmen lediglich alle anfallenden Kosten.“

Wie aber gehen die Organisatoren der Documenta mit dieser nicht so recht kalkulierbaren Mega-Performance um? Die Pressesprecherin Catrin Seefranz antwortet auf entsprechende Fragen mit ein und dem selben Satz: „Ich kann dazu nichts sagen.“ Angesprochen auf die Informationen aus Peking ergänzt sie: „Geredet wird glücklicherweise viel.“

„Die Chinesen wollen seit dem Ende der Qing-Dynastie (1644-1911) wissen, wie das Leben jenseits von China aussieht. Auch ich wollte unbedingt ins Ausland. In diesem Sinne ist die Documenta-Aktion eine sehr einfache Sache: Menschen gehen von einem Ort zum anderen und kommen verändert zurück.“ (Ai Weiwei)


Erstveröffentlichung: Kunstzeitung