Zeitschleifen

artnet, 2006-05-04

Worum geht es einem chinesischen Künstler, wenn er sich in seiner Arbeit ganz beiläufig auf die Han-, Tang- oder Song-Dynastie bezieht? Eine Dynastien-Tafel lehrt uns, dass die erste im Zeitraum zwischen dem 3. vorchristlichen und 3. Jahrhundert nach Christi Geburt herrschte, die zweite und dritte vom 7. bis 13. Jahrhundert.

Die Schlagworte „Antike“ und „Mittelalter“ lassen wohl auch den europäischen Bildungsbürger an kulturelle Errungenschaften denken, denen man noch heute Achtung zollt. Ein chinesischer Intellektueller hingegen kann sogar ins Schwärmen geraten und doch tatsächlich behaupten, die kosmopolitische Blütezeit des Tang-Reichs und die konfuzianische Gelehrsamkeit der anschließenden Song-Dynastie lägen ihm näher als das China der Gegenwart.

Während die westliche Zeitrechnung die Geburt Christi als Ausgangspunkt einer sukzessiv fortschreitenden Geschichte ansetzt, begann in China mit jeder Dynastie, also mit jedem Herrscherreich, eine neue Zeit. Mit Sun Yatsens Ausrufung der Republik am 1. Januar 1912 wurde diese Form der Historisierung zwangsläufig beendet. In der Gegenwartskunst spricht man demnach von der 5. und 6. Künstlergeneration. Verständigungsprobleme sind hier bereits auf kategorialer Ebene vorprogrammiert. Vermessen scheint die Idee, es könnte so etwas wie ein globales Gedächtnis von Westen und Osten geben, wenn nicht nur das „Was“ des Erinnerten, sondern auch das „Wie“ des Erinnerns grundlegend verschieden sind.

Als „Resonanzraum jüngster Geschichte in China” bezeichnet der China-Kulturkorrespondent der FAZ, Mark Siemons, die fortwährende Wirkung der Kulturrevolution auf das Selbstverständnis derjenigen Chinesen, die die Wirren dieser Zeit miterlebten. Der Sinologe Michael Lackner betont darüber hinaus, dass Geschichte in China als „Kontinuität von 5000 Jahren“ und Vergangenheit als „ahistorische Ewigkeit“ gedacht wird. Ein Besuch der Ausstellung „China – Zwischen Vergangenheit und Zukunft: Neue Fotografie und Video aus China“ im Haus der Kulturen der Welt führt diese für Europäer nahezu unvorstellbare Reichweite nationaler Identität plastisch vor Augen.

Das Alter Ego des chinesischen Künstlers Miao Xiaochun (geb. 1964) tritt in zahlreichen Fotoarbeiten, die zwischen 1999 und 2003 entstanden, als Gelehrter der Tan- und Song-Dynastie auf. Sichtlich erstarrt in Anbetracht der rasanten Modernisierung chinesischer Metropolen wird die Figur zum kritischen Pendant der allgegenwärtigen Beschleunigung, aber auch der besinnungslosen Extrovertiertheit des heutigen China, die im krassesten Widerspruch steht zur nach innen gerichteten Gesinnung konfuzianischer Prägung. Dass diese Haltung Miaos nicht im Geringsten einhergeht mit einer rückwärts gewandten und pessimistischen Haltung gegenüber der Gegenwart zeigt seine Faszination am Medium der Digitalfotografie. So wurde beispielsweise die Arbeit Opera (2003) aus mehreren Dutzend Einzelaufnahmen zusammengesetzt, um perspektivisch die gleiche Bildwirkung zu erzielen wie eine traditionelle Landschaftsmalerei. Das Längsformat gleicht dem chinesischer Bildrollen. Im Hier und Jetzt gilt es, den Künsten und Wissenschaften ihren ihnen angemessenen Wirkungskreis einzuräumen. Warum soll nicht werden können, was bereits einmal war? Der Blick zurück stärkt den Zukunftswillen.

Ein weiteres Beispiel dafür, dass der „Resonanzraum“ vieler Chinesen nicht nur bis in die Kulturrevolution zurückreicht, sondern mühelos ein ganzes Jahrtausend umfasst, ist die digital bearbeitete Fotografie Night Revels of Lao Li (2000) von Wang Qingsong (geb. 1966). Eines der berühmtesten Rollbilder der Tang-Zeit – Night Revels of Han Xizai von Gu Hongzhong – wurde zur Vorlage von Wangs Arbeit. Vergleicht man die gut erhaltene Bildrolle mit der Fotoarbeit, so besticht die Akribie, mit der Wang das Personal seiner Montage so arrangiert, dass die Szenerie der Vorlage möglichst genau wiedergegeben wird. Wer annähernd der Intention dieser theatralischen Inszenierung auf die Schliche kommen will, sollte nicht nur die auf der Bildrolle erzählte Geschichte präsent haben, sondern auch das Wissen um Wangs Rollenbesetzung.

Gu Hongzhongs Bildrolle zeigt uns in fünf Szenen das vermeintlich ausschweifende Leben des hochrangigen Hofbeamten Han Xizai. Vermeintlich deshalb, weil ihm der Ruf des oberflächlichen Genussmenschen als Tarnung seiner kritischen Gesinnung und seiner reformerischen Bestrebungen diente. Kaiser Li Yun ahnte die drohende Gefahr und befahl dem Künstler Gu Hongzhong, sich unter Han Xizais Gäste zu mischen. Das Gesehene malte Gu am Abend auf eine Papierrolle. In seiner zeitgenössischen Version entwickelt Wang Qingsong ein subtiles und von Anspielungen durchdrungenes Geflecht zwischen der Bedeutungsebene der Vorlage und der Neufassung.

Bereits der Titel macht stutzig, ist doch nun nicht mehr der Beamte Han Xizai Objekt der Beobachtung, sondern ein gewisser Lao Li, was nichts anderes heißt als „der alte Li“. Dabei handelt es sich um den renommierten zeitgenössischen chinesischen Kunstkritiker Li Xianting, der die Posen des Hofbeamten Han Xizai übernimmt. Die Rolle des spionierenden Künstlers verkörpert Wang Qingsong kurzerhand selbst. Nun erst kann die Interpretationsarbeit beginnen. Die souveräne Parallelsetzung einer gesellschaftspolitisch höchst brisanten Situation aus dem 10. Jahrhundert und der aktuellen chinesischen Kunstszene ist ein zweifelsohne gewagter Wurf. Immerhin stellt Wang die Künstler und damit auch sich selbst in ein nicht unproblematisches Licht. In wessen Auftrag spioniert er und wer ist die Zielscheibe des Misstrauens? Dazu kommt die äußerst komplizierte Position Li Xiantings, der in den 1980er und 1990er Jahren ein wichtiges Sprachrohr der chinesischen Gegenwartskunst war. Für viele Künstler wurde er zu einer Autorität, der man sich fast hörig unterordnete. Was hier als amüsante Szenerie und technisch elaborierte Parodie daherkommt, ist eine höchst ausgeklügelte Form der aktualisierenden Transformation, die als Rüstzeug des eigenen Standpunktes über ein beeindruckendes Maß an historischem Weitblick verfügt.

Eine vergleichende Bildbetrachtung der Night Revels of Lao Li und Night Revels of Han Xizai ermöglicht die Homepage von Wang Qingsong.

„China – Zwischen Vergangenheit und Zukunft“ im Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, 10557 Berlin. Bis zum 14. Mai 2006