Chemnitz’ alte Kleider, chinesisch gewendet ( cn )

Deutsch-Chinesisches Kulturnetz, 2008-05

Die Pekinger Künstlerin Yin Xiuzhen füllt tibetische Schuhe mit Yakbutter, wäscht verschmutztes Flusswasser und – ihr jüngst vollendetes Projekt – näht der ostdeutschen Textil-Industrie einen Erinnerungsort

Kunst kann berühren, ohne kitschig zu sein. Kunst vermag zu beglücken und einem unwirtlichen Transitort Rendezvous-Charakter zu verleihen. Wer zwischen Mitte und Ende März das Chemnitzer Bürger- und Verwaltungszentrum Moritzhof betrat, vergaß schlagartig, was sich gemeinhin im Westen mit dem Label „Zeitgenössische Kunst aus China“ verbindet.

Im glasüberdachten Innenhof eines Gebäudes, das in seiner architektonischen Tristesse kaum zum längeren Verweilen einlädt, sitzen ein halbes Dutzend ortsansässiger Näherinnen zusammen mit der Installationskünstlerin Yin Xiuzhen an Tischnähmaschinen aus der DDR-Zeit. Es ist empfindlich kalt. Auch die kleinen Heizlüfter an den Füßen der Frauen machen die Winterjacken nicht überflüssig. Berge von Kleidungsstücken – noch intakt oder bereits in Streifen geschnitten – liegen rondellartig am Boden. Über den Köpfen der Akteurinnen schwebt ein riesiger Metallreifen, an dem die fertig genähten Stoffbahnen befestigt werden. Täglich ein Stück mehr schließt sich der Raum im Raum, hüllt sich um die interkulturelle Arbeitsgemeinschaft eine Membran aus nutzlos gewordener Kleidung. Ähnlich einem von Anna Viebrock für eine Marthaler-Inszenierung geschaffenen Bühnenbild wird hier unter chinesischer Regie gleichsam ein Stück DDR-Geschichte revitalisiert, um es schließlich hinter einem Rundumvorhang stillzustellen.

Skulpturen des Übergangs

In einer Sammelaktion spendeten Chemnitzer Bürger mit Namenszetteln versehene Hosen, Jacken, T-Shirts, aber auch Schlipse und Dessous. Spender, als auch Spende sind nun integraler Bestandteil des Projektes Commune. „Es gab Touristen, die einfach ihr Hemd auszogen und es in die Körbe legten, weil sie unbedingt mitmachen wollten bei der Aktion“, erzählt der Berliner Galerist Alexander Ochs. Als der Kurator Volkmar Billig ihm von der Ausstellungsreihe „Transaktion. Skulpturen des Übergangs“ erzählte, überzeugte ihn das Konzept sofort und er stellte den Kontakt zur Künstlerin Yin Xiuzhen her. Billig hatte bereits Künstler aus Deutschland (Olaf Nicolai), Argentinien (Eduardo Molinari), Polen (Roman Dziadkiewicz) und der Schweiz (Hannes Rickli) eingeladen, an dem von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Projekt teilzunehmen. „Anknüpfend an Joseph Beuys’ Konzept der ‚sozialen Plastik wollen wir den Stadtraum und die in ihm aufgehobene Geschichte von Chemnitz – zwischen 1953 und 1990 Karl Marx Stadt – zum Anlass für künstlerische Interventionen machen“, so Billig. „Da die Stadt bis zum Zweiten Weltkrieg, aber auch noch zu DDR-Zeiten, ein wichtiger Standort der Textilindustrie war, wurde ich auf Yin Xiuzhens Arbeiten mit getragener Kleidung aufmerksam.“

Alexander Ochs war besonders von einer Koinzidenz begeistert: auch ihm war 1998, bei der ersten Begegnung mit Yin Xiuzhens Installationen, die Parallele zu Beuys Forderung, Kunst solle durch kreative Formen des Handelns auf die Gesellschaft einwirken, aufgefallen. „Es war eine Kiste mit Dachziegeln traditioneller Pekinger Hofhäuser“, erinnert sich Ochs. „Die Künstlerin, die bis heute in einer solchen Siedlung lebt, hatte die Bewohner besucht, Szenen ihres Alltags fotografiert, bevor diese Häuser im Zuge des chinesischen Modernisierungswahns abgerissen wurden.“ Geblieben sind die Dachziegel und die darauf geklebten Fotos.

Das kollektive Gedächtnis der Kunst

Eitle Selbstbespiegelung und purer Ästhetizismus sind Yin Xiuzhen fremd, vielmehr agiert sie als Chronistin, als konkrete Beobachterin des gesellschaftlichen Wandels. Sie sucht den Kontakt zu Menschen, die auf den Schwellen von Umbruchsituationen ein Höchstmaß an Flexibilität aufbringen müssen. Mal sind es die alten Pekinger, für die die Kulturrevolution und die Zugehörigkeit zu einer „danwei“ (chin. ‚Arbeitseinheit’) ein gelebtes Gestern darstellen, mal sind es Siemens-Arbeiter. Yin Xiuzhen macht sich zur Gefährtin ihrer Wünsche, aber auch ihrer Trauerarbeit, schreibt sie ein ins kollektive Gedächtnis der Kunst. Ob sie dabei mit Yakbutter gefüllte Schuhe in einer kargen tibetischen Berglandschaft arrangiert und fotografiert, verschmutztes Flusswasser zu Eis gefriert und zusammen mit Dorfbewohnern einer rituellen Waschung unterzieht oder eben mit getragener Kleidung arbeitet, ist vom Projekt abhängig. Der von Aby Warburg geprägte Begriff von der ‚Kunst als Erinnerungsträger’ wird hier geradezu wörtlich ins Werk gesetzt.

Im Herbst 2007 kam Yin Xiuzhen zum ersten Mal nach Chemnitz und machte mit Volkmar Billig lange Spaziergänge durch die Stadt. So entstand die Idee zum Projekt Commune. „Ich glaube, dass es durchaus Parallelen gibt zwischen der Vergangenheit von Chemnitz und dem früheren Leben in China“, erzählt die Künstlerin bei der Vernissage. „Immerhin waren beides kommunistische Systeme. Was uns und den Menschen in Chemnitz verloren gegangen ist, ist der starke Zusammenhalt, die Geborgenheit der Kommune.“ In den zwei Wochen, die die Chemnitzerinnen mit der Künstlerin aus China verbrachten, entstand neben der Installation eine spürbare zwischenmenschliche Nähe. Was den Näherinnen die Zeit in dieser Kunst - Commune bedeutet hat, brachte stellvertretend für die anderen Christine Irmscher auf den Punkt: „Es ist Leben, was diese Klamotten ausstrahlen. Was uns besonders fasziniert hat, ist aber, dass wir eine Künstlerin zum Anfassen hatten, die gemeinsam mit uns die Idee realisiert hat. Bisher war für mich Kunst ganz weit weg, eben das, was im Museum hängt. Sie erzählt von Reaktionen der Passanten, die das Work-in-Progess-Projekt beobachteten, und schließt mit spürbarem Stolz: „Wenn wir ehrlich sind, ohne uns hätte sie das nicht geschafft.“

Chemnitzerinnen in Taiyuan?

Am 9. April 2008 wurde die letzte Stoffbahn in die kreisförmige Außenhaut der temporären Werkstatt eingefügt. Für den Besucher gewähren nun lediglich die eingearbeiteten transparenten Stoffstücke, einige Kragen- und Ärmelöffnungen Durchsicht: unter den Nadeln liegt noch der Stoff, ein Frauenhut bedeckt den Lampenschirm einer Arbeitslampe und am Boden häufen sich unverarbeitete Kleiderbündel. „Die Geister haben den Ort verlassen,“ resümiert Kurator Billig, „aber wenn man durch die textile Hülle schaut, sieht es so aus, als könnten sie jeden Moment wiederkommen.“ Am 12. April habe er mit den Näherinnen noch das Ende der Aktion gefeiert. Aber was heißt hier Ende. „Die Frauen wollen weitermachen und überlegen nun, auf welche Weise.“ Auch haben der Moritzhof und der Galerist zugestimmt, dass die Installation nicht nur wie ursprünglich geplant bis zum 4. Mai, sondern bis zum 22. Juni erhalten bleibt, so dass die Gäste des Symposiums Utopolis – Wunschfabrik Stadt sie auch noch werden sehen können. Eine von Alexander Ochs während der Eröffnung geäußerte Utopie freilich ließe sich durchaus realisieren, nämlich: die Aktion im nordchinesischen Taiyuan, der Partnerstadt von Chemnitz fortzusetzen, zusammen mit chinesischen Näherinnen.


Die Ausstellung Commune ist wegen des großen Interesses verlängert worden bis zum 22. Juni 2008.
Informationen zur Ausstellung

Erstveröffentlichung: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz