Die Welt im Plural ( cn )

Deutsch-Chinesisches Kulturnetz, 2009-5

In 80 Sprachen ließ der Kurator Daniel Birnbaum das Motto der 53. Venedig Biennale (7. Juni – 22.11.2009) übersetzen, u. a. ins Chinesische. Weltenmachen / Making Worlds / Fare Mundi / 制造世界: ein sprachliches Vexierspiel im Geiste der Postmoderne.

Versucht man in wenige Worte zu fassen, worin die erschütternde Macht der Postmoderne-Debatte lag, dann ist es wohl die Verabschiedung gleich einer Reihe von Definitionshoheiten. So erklärte der französische Philosoph Jean-François Lyotard (1924-1998) in Das postmoderne Wissen (1979) die Zeit der „Metaerzählungen“ als beendet. Das Wissen von der Welt jenseits des eigenen Erfahrungshorizontes war schlicht gesagt zu komplex geworden, um allgemeingültige Konzepte von dem, was den Mensch zum Menschen und die Welt zur Welt macht, aufrechtzuerhalten. Weltgeschichte wurde damit zur Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, zur Pluralität der Werte. Was sich zuvor Moderne nannte und damit einen linearen Fortschrittsgedanken formulierte, geriet in den Verdacht der postkolonialen Hybris. Für die internationale Sonderausstellung der 53. Venedig Biennale (7. Juni – 22. November 2009) wählte der Kurator Daniel Birnbaum das Motto Welten machen. Mit dem Pathos des Schöpferischen visualisiert Kunst in diesem Sinne eine Ästhetik der pluralen Welten.

„Weltenmachen / Making Worlds / Fare Mundi / 制造世界“

Jeder der 77 Länderpavillons auf dem Ausstellungsgelände der Venedig Biennale bildet eine Welt für sich. Die in diesem Jahr von Daniel Birnbaum kuratierte internationale Sonderausstellung hebt mit „90 Künstlern und Kollektiven aus aller Welt“ nicht nur die Ländergrenzen auf. Unter dem Motto Making Worlds sollen die ausgewählten Werke „eine Vision der Welt, eine Art des Weltenmachens repräsentieren“ (Pressematerial).

In Schweden geboren, ist Daniel Birnbaum seit 2001 Rektor an der Frankfurter Städelschule. Seine Nähe zum konkreten künstlerischen Schaffensakt, aber auch sein Philosophiestudium schimmern deutlich durch das Ausstellungskonzept. „Im Schwedischen hat ‚Weltenmachen’ eine stark religiöse Konnotation“, erklärt Birnbaum im Interview, „im Italienischen eher eine philosophische, im Englischen eine handwerkliche, im Französischen eine architektonische.“ Und im Deutschen? Nostalgisch gesonnene Bildungsbürger mögen sich vielleicht an den Geniekult des 18. Jahrhunderts und insbesondere an Johann Gottfried Herder erinnern, der den Künstler zum gottähnlichen Schöpfer erhob. Naheliegender freilich ist der postmoderne Abgesang auf eine Welt im westlich definierten Singular.

In 80 Sprachen wurde das Motto für den Biennale-Katalog übersetzt. Briefköpfe und Informationsmaterialen zeigen mindestens drei Sprachen: Englisch (Weltsprache), Italienisch (Gastgeberland) und „eine für die jeweilige Zielgruppe fremd wirkende Variante“ (Auskunft der Pressestelle). Auf der Berliner Pressekonferenz entschied sich Birnbaum für chinesische Zeichen. Aus dem Stegreif könne er allerdings keine Auskunft über die Bedeutung der einzelnen Zeichen geben, kommt er einer Nachfrage zuvor. Ein international besetztes Korrespondententeam, zu dem u. a. der chinesische Kunstkritiker Hu Fang gehört, ist für solche länderspezifischen Fragen zuständig.

Was in der Übersetzung des Mottos „Weltenmachen“ als 制造世界 (zhi zao shi jie) alles mitschwingt, macht eine Diskussion mit in Deutschland lebenden Chinesen deutlich. „Nein“, nach Kunstschaffen klinge das nicht, lautet eine prompte Antwort. Das hier verwendete Zeichen für ‚machen’ (制造, zhi zao) komme eher aus dem industriellen Bereich, meine die serielle Fertigung von Dingen. „Für ‚Schaffen’ im kreativen Sinne würden wir ‚chuang zao’ (创造) verwenden. Ich sehe da eher Fabrikarbeiter aus Guangdong vor mir.“ Eine Künstlerin hat einen dritten Vorschlag: „Ich hätte ‚da zao’ (打造) besser gefunden, da wird das selbstbestimmte Tun, das Schaffen mit den eigenen Händen betont“, ‚chuang zao’ sei zu pathetisch. Warum sich Birnbaum und Hu Fang für das pragmatische „zhi zao“ entschieden, lässt der folgende Kommentar eines chinesischen Germanisten nachvollziehen: „Ich denke sofort an das Label ‚Made in China’, das heißt nämlich ‚zhong guo zhi zao’, wörtlich übersetzt ‚China machen’.“ Indem das chinesische Biennale-Motto das „machen“ aber an den Anfang des Satzes stellt, fehlt das Subjekt und die Welten werden zum Objekt. „Man fragt sich sofort, wer hier die Welten macht? Der Akt des Produzierens, d. h. das Kunstschaffen wird in seiner Bedeutung betont.“

Postmoderne Horizonterweiterung

In ihrem Essay „Modernitäten“ rekapituliert die Göttinger Sinologin Irmy Schweiger den Paradigmenwechsel, der Anfang des 21. Jahrhunderts die Vorstellung verabschiedete, „dass Modernisierung im Großen und Ganzen als zeitlich versetzte Homogenisierung der Weltkulturen zu betrachten“ sei. „Die Differenzen moderner Gesellschaften“ seien „ausgeprägter als ihre Übereinstimmungen. Nicht ein institutionelles Muster bzw. eine moderne Zivilisation sind erkennbar, sondern viele moderne Zivilisationen bzw. Zivilisationsmuster jenseits der westlichen Welt (in Afrika, Asien oder Südamerika), die, wenn auch ähnliche Merkmale, dennoch unterschiedliche ideologische und institutionelle Dynamiken aufweisen.“ (1)

Für Daniel Birnbaum ist diese geistige Horizonterweiterung notwendige Bedingung, um auch innereuropäische Entwicklungen zu verstehen: „Die Diskussion um den Begriff der ‚Moderne’ – und das, was vielleicht nach der Moderne kommt – ist unvollständig, wenn dieser Diskurs nicht innerhalb einer geophilosophischen Dialektik positioniert wird“, erläutert er im Interview. „Bereits die westliche Postmoderne versteht man nicht, wenn man versucht, sie auf Entwicklungen in Europa und den USA zu beschränken.“ Birnbaum stellt gar die Tauglichkeit des Begriffs ‚Kunst’ in einer global vernetzten Welt in Frage: „Ist das Konzept von ´Kunst´ mit seiner spezifisch europäischen Genealogie überhaupt eine adäquate Kategorie, um aktuelle Entwicklungen zu begreifen?“ Als Antwort zitiert er den Schriftsteller und Theoretiker Sarat Maharaj (2):

„Die kulturellen Aktivitäten in Indien, China und Afrika deterritorialisieren bekannte Konzepte der Kunst. Als einem neuen Modus der Wissensproduktion kommt dabei dem Internet eine wichtige Rolle zu. Was wir Kunstaktivität nennen, dehnt sich aus und verändert sich kontinuierlich vor einem zeitgenössischen globalen Hintergrund.“

Birnbaum macht uns mit seinem Motto „Making Worlds“ zu Reisenden. Ob die gezeigte Kunst Aufschluss darüber geben wird, in welchem Land wir uns befinden, oder einen konkreten Verortungsversuch gar irrelevant werden lässt, bleibt abzuwarten.


1 Vgl. dazu Irmy Schweiger, Modernitäten, in: Kulturen in Kontakt: Deutschland-China, Nanjing 2008, S. 156-172 (in chin. Sprache).

2 Sarat Maharaj (geb. in Südafrika) ist Professor für Kunstgeschichte und -theorie am Goldsmiths College, University of London. Seine Ausstellungen, Vorträge und Texte thematisieren die Bedingungen kultureller Übersetzung im Zeitalter der Globalisierung.

Erstveröffentlichung: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz

Informationen zur Biennale (deutsch): Online-Magazin: Universes in Universe

Informationen zur Biennale (englisch): La Biennale

Informationen zum kuratorischen Konzept: (englisch) Lu Hao, Kurator des chinesischen Länderpavillons