Kurzstrecke Berlin – Beijing

Tagesspiegel, 2008-03-29

Die Alexander Ochs Galleries fragen in neuen Räumen, aber weiterhin in den Berliner Sophie-Gips-Höfen, nach den „wahren Orten“. Acht Künstler aus Peking, Shanghai, Berlin und Ramat Hasharon (Israel) begeben sich auf die Spurensuche.

China: das Land der kurzen Halbwertszeiten. Doch es gibt sie, die Kontinuitäten im stetigen Wandel. Seit 1997 pendeln Alexander Ochs und sein Team im Namen der asiatischen Gegenwartskunst – mit dem Schwerpunkt China – zwischen Ost und West, zwischen der Pekinger Dependance und der Berliner Sophienstraße. Zeugte es allerdings noch bis zum Ende der 1990er Jahre von Pioniergeist, sich auf die Kunst der Nach-Mao-Ära zu spezialisieren, so ist die Herausforderung heute eine andere: die enorme, geradezu hysterische Nachfrage übersteigt bereits das Angebot. Nach dem Umzug der ALEXANDER OCHS GALLERIES in die ehemaligen Räume der Galerie CONTEMPORARY FINE ARTS (CFA) Anfang März reagiert das Konzept der dreiteiligen Ausstellungsserie Die wahren Orte auf diese veränderte Ausgangssituation. Jenseits des Exotenstatus „Made in China“ werden die Arbeiten von sechs chinesischen Künstlern mit denen des Berliners Timo Nasseri und Micha Ullman (Israel) kontextualisiert. „Als wir unsere Arbeit begonnen, gab es für chinesische Künstler so gut wie keine Ausstellungsmöglichkeiten im eigenen Land“, so Alexander Ochs. „Unser Ziel war es, dieser Kunst internationale Relevanz zu verschaffen. Das ist weitestgehend erreicht. Wir beginnen jetzt damit, unser Programm zu internationalisieren, freilich weiter mit China-Fokus.“

Was sieht der Besucher der Ausstellung Die wahren Orte– und was nicht? Nehmen wir Micha Ullmans Sandbücher (2001). Erst vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus – von Ullman stammt auch das Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung auf dem Berliner Bebelplatz ‑ entfalten die fragilen Objekte ihre Tiefenschärfe. Eine Geste wider das alltägliche Vergessen stiftet die Pekinger Künstlerin Yin Xiuzhen, indem sie ein ehemaliges chinesisches Sammeltaxi in zwei Hälften teilt und durch einen textilen Körper streckt. Die dazugehörige Geschichte ist notwendig, um die Arbeit zu verstehen. Noch bis in die 1990er Jahre gehörte das günstige Transportmittel zum Straßenbild chinesischer Metropolen. Die leichte Bauweise und die daraus resultierende eklatante Schutzlosigkeit der Insassen bei Verkehrsunfällen macht Yin Xiuzhen augenscheinlich, indem sie das raupenartige Mittelstück mit zusammengenähten chinesischen Billig-Textilien bezieht. Wieviel ist ein Menschenleben in China wert? Man bedenke nur die unwürdigen Arbeitsbedingungen in den Textil-Fabriken. Unter dem Titel Collective Unconscious und den einlullenden Klängen einer chinesischen Lobeshymne auf die Stadt Beijing wird das heutzutage aus dem Verkehr gezogene Vehikel zur materialisierten Unmutsbekundung.

Zehn Jahre lebte der Künstler Wang Shugang in Deutschland. 2000 nach Peking zurückgekehrt, resümiert er seine Auslanderfahrung: „Ich habe gelernt, was es heißt einsam zu sein.“ Seine Lichtinstallation Apartment Block Life: Squatters zeigt eine Reihe hockender Figuren, die sich – dem Domino-Effekt entsprechend – so anordnen, dass jede rückwärts in die Arme der nächsten fallen würde. Wang Shugang bringt mit höchst reduzierter Formensprache die Chinesische Gemeinschaftsdialektik auf den Punkt. Der Preis der Geborgenheit besteht in dem Uniformitätsdruck des Kollektivs.

Bis Juli werden zwei weitere Ausstellungen die Frage nach den „wahren Orten“, d. h. nach den nicht kartographierten Ankern der Identität stellen. Einige Arbeiten der Eröffnungsschau werden bleiben, einige durch Positionen anderer Künstler ersetzt. Was in der neuen Galerie sofort ins Auge sticht, ist die schlauchförmige Strenge des Ausstellungsraumes, das gleißende Weiß der Wände und des Bodens und die mit Farbigkeit höchst sparsame Zusammenschau der Werke. Im Rückblick auf das typisch chinesische erdige Rot und Grün und das Goldgelb in der früheren Galerie kommt da schon eine gewisse Wehmut auf. Flexible Wände rutschten auf Filzschienen über Naturholzdielen. Sicherlich, in der chinesischen Tradition bergen ‚das Fade’ und ‚die Leere’ das größte Potential von Weisheit, Schönheit und Geschmack. Doch was ist mit der Gefahr der Schneeblindheit angesichts mangelnder Kontraste?


Foto Yin Xiuzhen und Micha Ullman: Nadine Dinter

Erstveröffentlichung: Tagesspiegel