Humanism in China

Katalogkritik, Winter 2006/2007

Bereits der Titel lässt skeptisch werden. Was soll das sein: „Humanismus in China“? Dass unsere europäische Bildungstradition zum Verständnis eines von chinesischen Kuratoren für chinesische Betrachter entwickelten Ausstellungsprojektes wenig hilfreich ist, leuchtet ein.

Der gleichnamige Ausstellungskatalog mit seinen 468 Fotografien und – unbedingt empfehlenswert – 15 Textbeiträgen gibt nicht nur visuelle Einblicke in das, was man in China unter Dokumentarfotografie versteht, sondern ermöglicht zudem eine theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema. Kritische Kommentare zur Konzeption der Fotoschau, die in China 2003 zum ersten Mal gezeigt wurde und Rückblicke auf vorausgegangene chinesische Foto-Ausstellungen im eigenen Land zeigen die intentionalen Verschiebungen und wachsenden Freiräume des Mediums. Hieß doch z. B. die erste große Schau von 1979 bezeichnenderweise „Der Premier liebt das Volk, das Volk liebt den Premier“. Die argumentative Bandbreite der chinesischen Fotografiekritik reicht vom naivem Wahrheitsanspruch des Bildes bis zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den Techniken und Wirkweisen der Fotografie. Das deutschsprachige Begleitheft, welches anlässlich der durch Frankfurt am Main, Stuttgart, München, Berlin und Dresden tourenden Ausstellung erstellt wurde, ist unerlässlich. Enthält der Katalog doch neben den chinesischen Textbeiträgen nur englische Kurzfassungen derselben. Auch die englischen Titel sind oftmals eher kreative Adaptionen, denn Übersetzungen. Die Grundlage der deutschen Fassung ist somit notwendigerweise die chinesische Version.

Auf Reisen durch Chinas Povinzen sammelten die Kuratoren An Ge, Hu Wugong und Wu Shaoqiu über 100 000 Negative aus Archiven und Privatbesitz: Momentaufnahmen der letzten 50 Jahre chinesischer Geschichte. Die getroffene Auswahl wird in der Ausstellung und im äquivalenten Katalog den Rubriken „Existenz“, „Beziehung“, „Begehren“ und „Zeit“ zugeordnet. Das Situationsspektrum der Aufnahmen ist immens. Sicherlich gibt es eine Dominanz des kargen ländlichen Alltags, Bilder existentieller Armut, beschwerlicher körperlicher Arbeit und zu erduldender Krankheit der einfachen Bevölkerung. Genau so reihen sich aber komische bis absurde Geschehnisse des täglichen Lebens ein in die präsentierte Bilderflut. Gänzlich vernachlässigt wird hingegen der neue Reichtum Chinas, die nach westlichen Statussymbolen gierende Upper Class. „Der Mensch soll im Zentrum des Objektivs stehen“, das war das übergreifende Auswahlkriterium, heißt es im Vorwort des Katalogs. Ein ausdrücklicher Seitenhieb gegen den grassierenden Materialismus der Städte macht deutlich, dass man durchaus eine grundsätzliche Entscheidung darüber getroffen hatte, welche chinesischen Lebenswirklichkeiten aussagekräftig darüber sind, was den Menschen zum Menschen macht.

Welche Absprachen, Grenzziehungen und Kompromisse es mit Chinas Behörden bei diesem Projekt gab, sei dahingestellt. Wir sehen – wer hätte anderes erwartet ‑ keine Aufnahmen des Tiananmen-Massakers, auch keine Szenen des Kulturrevolutions-Terrors, keine Politiker und auch keine Falun-Gong-Anhänger. Auch die ausführlichen Betitelungen, die oftmals Ort, Zeit und sogar Gefühlsregungen der gezeigten Personen aufnehmen, sind nicht immer ideologisch wertfrei. Kritik ohne Perspektive auf bessere Zeiten hätte sicherlich nicht so ungehindert den Weg ins Ausland gefunden. Dass und wie diese Bilder präsentiert werden, macht dennoch den Wandel des offiziellen Umgangs mit den Schattenseiten des eigenen Landes deutlich.


Humanism in China. A Contemporary Record of Photography. (Chinesisch/Englisch) Herausgegeben von Wang Huangshen und Hu Wugong. Anno Domini Publishing Co., Ltd. Hong Kong 2003, 568 Seiten, 468 Abbildungen, 103 farbig. Broschur.
ISBN 3-89904-212-3

Deutscher Textband: Humanism in China. Ein fotografisches Portrait. Herausgegeben von: Museum für Moderne Kunst, Frankfurt am Main, Staatsgalerie Stuttgart, Bayrische Staatsgemäldesammlungen München, Staatliche Museen zu Berlin, Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Edition Braus im Wachter Verlag, 83 Seiten. Broschur.
ISBN 10: 3-89904-212-3