Zu entdecken: Kunst aus Asien. Die Kunstmesse ShContemporary geht am 10. September in die zweite Runde ( cn )

Deutsch-Chinesisches Kulturnetz, 2008-9

Die inflationär steigende Zahl internationaler Kunstmessen macht die Organisatoren erfinderisch, wenn es darum geht, die Reiserouten von Sammlern, Galeristen und Journalisten zu ihren eigenen Gunsten zu beeinflussen. Das Zugpferd der zum zweiten Mal im Shanghai Exhibition Center stattfindenden ShContemporary (10. bis 13. September 2008) – einer Kunstmesse mit Asien-Fokus – ist die Sonderschau Best of Discovery. 10 Kuratoren präsentieren Werke noch relativ unbekannter asiatischer Künstler.

Selten hatte eine Kunstmesse in China eine so positive Resonanz erhalten wie die Premiere der ShContemporary 2007. Messedirektor Lorenzo Rudolf (ehemaliger Leiter der Art Basel, der Frankfurter Buchmesse und Mitinitiator der Art Basel Miami Beach) und Pierre Huber (Genfer Galerist und Sammler) als künstlerischer Leiter erarbeiteten zusammen mit dem Schanghaier Künstler Zhou Tiehai ein überzeugendes Pendant zu den ansonsten in China staatlich organisierten Leistungsschauen der Gegenwartskunst. Gegen Pierre Huber laut gewordene Vorwürfe der Interessenskollision zwischen seiner Arbeit für die ShContemporary und der des Galeristen und Sammlers, veranlassten Rudolf schlussendlich zu strukturellen Änderungen für den zweiten Durchlauf der Messe.

Ein „Strategic Board“ ist nun mit den „konzeptuellen Fragen der Messeentwicklung“ betraut. Man darf gespannt sein auf das Ergebnis der Teamarbeit von vier Galeristen und Kuratoren aus Shanghai (Lorenz Helbling, ShangArt), Peking (Leng Lin, Beijing Commune) und Pi Li, Boers-Li Gallery) und New York (Arthur Solway, James Cohan Gallery) und Elaine Ng (Redakteurin und Herausgeberin des Magazins Art Asia Pacific).

Best of Discovery: China

2007 stellte die kuratierte Sektion Best of Discovery 20 Künstler vor. In diesem Jahr sind es 30. Neben China, Taiwan, Zentralasien, Indien, Indonesien, Japan, Korea, Thailand, West Asien und dem Mittleren Osten kommen drei Künstler aus Australien und Neuseeland.

Mit der Auswahl von fünf chinesischen Künstlern, „die noch unbekannt oder bisher noch nicht der breiten internationalen Kunstszene bekannt sind“ (Pressetext), betrauten Messedirektor Lorenzo Rudolf und das „Strategic Board“ den in Peking lebenden unabhängigen Kurator Huang Du (Jahrgang 1965). Auffällig ist auf den ersten Blick, dass keiner von ihnen der jüngeren und nach der Kulturrevolution geborenen Künstlergeneration angehört.

Im Westen für seine raumgreifenden Installationen aus traditionell chinesischen Materialien wie z. B. Reispapier bekannt ist der in Berlin und Peking lebende Zhu Jinshi (Jahrgang 1954).Wie Zhu war auch Wang Lunyan (Jahrgang 1956) bereits bei einer der ersten großen Ausstellungen chinesischer Gegenwartskunst im Westen (China Avantgarde, Haus der Kulturen der Welt, Berlin 1993) dabei. Wangs kunsttheoretisches Interesse zeigte sich u. a. in einem Manifest über den Tastsinn (1988). Als Sinnbild für die Mechanismen des gesellschaftlichen Zusammenlebens schuf er imaginäre Maschinen oder – 2007/08 entstanden – Uhren für die chinesische oder globale Zeitrechnung, für Partygänger oder militärische Zwecke. Selbstironisch bittet Shi Yong (Jahrgang 1963) in New Image or Choose the best? Internetbesucher um Hilfe bei der Auswahl seiner Haarfrisur oder verkündet in einem manipulierten Foto: “Sorry, there will be no documenta 2007”. Hier bleibt amüsiert abzuwarten, was sich der Künstler für die ShContemporary einfallen lässt.

Indem Huang Du seine Auswahl ungebrochen den Pionieren der chinesischen Kunstszene widmet, folgt er dem derzeitigen Trend zur Retrospektive. Um die Eigenart der jungen chinesischen Kunst zumindest zu ahnen, muss sich das internationale Publikum allerdings in den Kojen der ausstellenden Galerien umschauen.

Produktive Skepsis im deutsch-chinesischen Kunstdialog

Aus China sind 23 Galerien auf der Verkaufsschau präsent. Unter den 15 deutschen Ausstellern sind China-Experten wie Alexander Ochs (Berlin, Peking) und Lothar Albrecht (Frankfurt), die bereits seit den 1990er Jahren zwischen Orient und Okzident pendeln. Galerien wie Baukunst (Köln), die Galerie von Karsten Greve (Köln, St. Moritz, Paris) und Barbara Gross (München) haben einzelne chinesische Künstler in ihr internationales Programm aufgenommen.

Für Thomas Schulte aus Berlin hingegen ist es, wie er sagt, „ein Sprung ins kalte Wasser. Ich habe bisher keine China-Erfahrungen und nutze nun die Chance mir einen ersten Eindruck zu verschaffen.“ Dem Hype um die chinesische Gegenwartskunst gegenüber ist er skeptisch und rät zur „Vorsicht“. „Wir verstehen schon kaum etwas von der traditionellen Kunst aus China, wie sollen wir da die Paraphrasierungen der zeitgenössischen Künstler richtig verstehen? Ich möchte mich der Kunst zunächst über das Gespräch mit einzelnen Künstlern annähern. In Schanghai,“ ergänzt Schulte, „zeigen wir u. a. Arbeiten von Katharina Sieverding, die bereits zu Zeiten der Kulturrevolution in China unterwegs war.“

Die Galeristin Barbara Gross arbeitet bereits seit 2006 mit Zheng Guogu (Jahrgang 1970) zusammen. Auch Chen Shaoxiong (Jahrgang 1962) und Qiu Anxiong (Jahrgang 1972) zeigte sie in ihrer Münchener Galerie. Alle drei Künstler wird sie in Schanghai präsentieren. Handelt es sich bereits bei Zheng, Chen und Qiu um gesellschaftskritische Stimmen jenseits des Mainstreams, so ist die für September in Deutschland geplante Schau der Künstlerin Guo Fengyi (Jahrgang 1942) ein Wagnis besonderer Art. Guo selbst bezeichnet sich nämlich nicht als Künstlerin im herkömmlichen Sinne, ihre Zeichnungen seien Visionen, die Ihr bei Qigong- Meditationen erschienen, so die Künstlerin.

„Was das Verständnis chinesischer Kunst im Westen angeht,“ so Gross, „stelle ich mich auf eine lange Vermittlungsarbeit ein. Der China-Hype auf den Auktionen hat eher zu einer Reserviertheit geführt, denn zu einer Annäherung.“ In Shanghai stellt Gross eine 11 Meter lange Wand-Installation von Katharina Grosse (Jahrgang 1961) aus. Bekannt ist die in Berlin und Düsseldorf lebende Künstlerin für ihre raumbezogenen Sprayarbeiten, die nicht zuletzt eine Verabschiedung von der Nähe des Pinsels zur Leinwand visualisieren. Da sich auch in der zeitgenössischen chinesischen Kunst ein großes Interesse an medialen Transformationsprozessen beobachten lässt, könnten Grosses Arbeiten durchaus Anknüpfungspunkte für chinesische Messebesucher bieten.

Gefragt nach dem Kaufverhalten chinesischer Sammler zeichnet sich aus der Perspektive des Galeristen Michael Schultz (Berlin, Seoul, Peking) eine Horizonterweiterung ab: „Bisher waren es hauptsächlich die großen Namen wie Gerhard Richter, Georg Baselitz und Sigmar Polke, die chinesische Käufer anzogen, aber das Interesse an jüngeren Positionen steigt zusehends.

In Schanghai zeigt Schultz vier chinesische, einen koreanischen und zwei deutsche Künstler, unter ihnen Huang He (Jahrgang 1977), bekannt vor allem für seine Serien verschwommen und verzerrt gemalter Hunde und Mäuse. Für sein in Öl auf Leinwand gemaltes Bild Dream Series – Chongqing Negotiation 1945 – eine Sequenz des Triptychons zeigt Mao Zedong aus einem Flugzeug aussteigend – verweigerten die chinesischen Behörden allerdings die Zulassung zur Messe. „Alles was mit Mao zu tun hat, ist sensibel“, kommentierten sie ihre Restriktion. Über Sinn und Unsinn solcher Eingriffe in die Freiheit der Kunst zu diskutieren, ist müßig. In Bezug auf dieses Werk stellt sich vielmehr die Frage nach dessen inhaltlicher Aussage jenseits der Provokation – zumal der Künstler erst nach dem Ende der Mao-Zeit geboren wurde und somit eine direkte Betroffenheit als Motivation ausfällt.

Offensichtlich wird in Anbetracht von Huang Hes Dream Series die Kluft zwischen einem chinesischen Betrachter, dem das im Titel angesprochene historische Ereignis sofort in all seiner Bedeutsamkeit aufscheint, während die meisten westlichen Rezipienten auf einen vermittelnden Kommentar der Galerie angewiesen sein werden. Dass das im August 1945 stattgefundene Treffen mit Chiang Kai-Shek in Chinas provisorischer Hauptstadt Chongqing der Beginn von Maos Macht war, ist hingegen eine Tatsache.

Doch wie sollen wir Huang Hes Werk verstehen? Und warum wählt der Künstler für diese Arbeit die gleiche Technik, wie für seine Hunde und Mäuse? Lässt man all diese Fragen zu und begibt sich auf die Spurensuche, so wird Kunst zu einer Expedition in die eigene oder eine fremde Geschichte. Die Wertung der künstlerischen Qualität steht auf einem anderen Blatt.


Erstveröffentlichung: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz

ShContemporary

Näheres zum Treffen von Mao Zedong und Chiang Kai-Shek in Chongqin: Chongqing-Artikel bei Wikipedia