Schanghaier Kunstherbst ( cn )

Deutsch-Chinesisches Kulturnetz, 2008-06

Unter dem Titel Translocalmotion startet am 9. September die siebte Shanghai Biennale

Im Zentrum des kuratorischen Konzeptes steht der dem Museum vorgelagerte People’s Square. Das Kuratorenteam setzt sich in diesem Jahr aus Zhang Qin (张晴, Shanghai, China), Julian Heynen (Düsseldorf, Deutschland) und Henk Slager (Utrecht, Niederlande) zusammen.

Den Freunden asiatischer Gegenwartskunst wird in diesem Spätsommer und Herbst ein hohes Maß an Reiselust abverlangt. Nannte sich 2007 der internationale Ausstellungs- Messe- und Biennale-Marathon Grand Tour (Documenta Kassel; Skulptur Projekte Münster; Venedig Biennale, Art Basel), so schlägt der Art Compass 2008 eine Asienreise mit fünf Stationen vor: Innerhalb einer Woche werden im September die Gwangju Biennale in Korea, die Shanghai Biennale und die Kunstmesse ShContemporary in Schanghai, die Singapur Biennale sowie die Yokohama Triennale in Japan eröffnet.

Ein Blick zurück und nach vorn

Nach ihrer Premiere 1996 eruierte die Shanghai Biennale in den ersten zwei Durchläufen den Status quo der chinesischen Gegenwartskunst. 2000 kuratierte Hou Hanru (侯翰如) die 3. und zum ersten Mal international ausgerichtete Ausstellung und ließ den Spirit of Shanghai künstlerisch bespiegeln. Eine Horizonterweiterung erreichte die Biennale 2002 mit dem Motto Urban Creation. Im allgemeinen China-Kunstrausch und unter dem inspirierenden Titel Hyperdesign konnte 2006 ein Besucherrekord verzeichnet werden. Die gegenwartstrunkene Energie der gezeigten Arbeiten ließ sogar vergessen, dass es sich bei dem zentralen Ausstellungsort, dem Shanghai Art Museum, um den 1930 von den Briten erbauten und von kolonialem Prestigestreben gezeichneten „Shanghai Raceclub“ handelt. 2008 nun erarbeitet ein chinesisch-deutsch-niederländisches Team das Konzept für Translocalmotion.

„Urbanität“ und „Migration“ als Themen der Gegenwartskunst

Den Schanghaier „People’s Square“ wählten die Kuratoren als Dreh- und Angelpunkt der Biennale, da er wegen seiner historischen, sowie aktuellen Bedeutung für die Stadt in konzentrierter Form den rasanten gesellschaftlichen und ökonomischen Wandel, aber auch die gegenwärtige Dynamik der chinesischen Metropole wiederspiegele. 20 von 50 Arbeiten werden direkt für die Schau in Auftrag gegeben und sollen konkret auf den „People’s Square“ Bezug nehmen. 20 weitere beleuchten Themen wie „Urbanität“ und „Migration“ am Beispiel anderer Städte. Ein Teil der Ausstellungsfläche wird für Solo-Ausstellungen international noch relativ unbekannter Künstler reserviert.

Auf der Europa-Pressekonferenz, die am 4. April 2008 im Berliner Institut für Auslandsbeziehungen (IFA) stattfand, löste das Konzept der 7. Shanghai Biennale – trotz betonter medialer Wahlfreiheit der Künstler und der Einbeziehung des Stadtraums als Ausstellungsfläche – einige Verwunderung aus. Vielleicht doch ein wenig zu viel Lokalkolorit für eine Ausstellung, die auch internationales Publikum anziehen soll? Zumal gleichzeitig im Zwischengeschoss des Museums historische Dokumente und Filme die Geschichte des „People’s Square“ Revue passieren lassen sollen. Am Ende wird die Originalität der Künstler entscheiden, ob die Themenwahl inspirierend oder beengend gewirkt hat.

Die Künstlerliste

Nur einige der teilnehmenden Künstler sind bisher von den Kuratoren bekannt gegeben worden. Aus Deutschland ist Clemens von Wedemeyer (Jahrgang 1974) eingeladen. Psychologisches Einfühlungsvermögen bewies Wedemeyer bereits in seinem auf der Moskau Biennale 2005 uraufgeführten Kurzfilm Otjesd (Weggehen). Gemeinsam mit russischen Immigranten inszenierte er in Berlin den ‚Alptraum der Bürokratie’, der mit dem Antrag eines deutschen Visums in Moskau verbunden ist. Auch die Qualität der international renommierten Dokumentarfilme von Hito Steyerl (Jahrgang 1966) ist unbestritten. Die in Berlin lebende Künstlerin thematisiert in ihren Beiträgen z.B. die Bedingungen nationaler Identität, Gender-Fragen und die Bedeutung von Architektur als Erinnerungsträger, wodurch sie in jedem Teil der Welt Denkanstöße liefert.

Weniger nachvollziehbar ist die Auswahl von zwei der drei bisher bekannt gegebenen chinesischen Künstler. Keine Überraschung ist die Teilnahme der Pekingerin Yin Xiuzhen (尹秀珍, Jahrgang 1963), die in den letzten Jahren auf nahezu allen großen China-Ausstellungen mit vertreten ist. Ob aber die lieblichen Comic-Animationen der in Peking lebenden Bu Hua (卜桦, Jahrgang 1973) genug Aussagekraft für eine Biennale haben, ist fraglich. Die abstrakten Stillleben von Zhou Changjiang (周长江) (Jahrgang 1950) mögen in China zwar nach wie vor viele Liebhaber finden, von der vor Energie sprühenden chinesischen Kunstszene lassen sie aber so gar nichts spüren. In Anbetracht der Vielzahl hervorragender chinesischer Künstler und dem Erfolg der letzten Biennale sind die Erwartungen naturgemäß hoch.


Erstveröffentlichung: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz

Shanghai Biennale