Vor die eigene Tür geschaut

Informationsdienst KUNST Nr. 399, 2008-04-03

Unter dem Titel Translocalmotion startet am 9. September die siebte Shanghai Biennale

Seit ihrer Premiere 1996 thematisierte die Shanghai Biennale zunächst den Status quo der chinesischen Gegenwartskunst. 2000 kuratierte Hou Hanru die dritte und zum ersten Mal international ausgerichtet Leistungsschau und ließ den Spirit of Shanghai künstlerisch bespiegeln. Eine Horizonterweiterung erreichte die Biennale 2002 mit dem Motto Urban Creation. Im allgemeinen China-Kunst-Rausch und unter dem inspirierenden Titel Hyperdesign konnte im vorletzten Jahr ein Besucherrekord verzeichnet werden. Die gegenwartstrunkene Energie der gezeigten Arbeiten ließ sogar vergessen, dass es sich bei dem zentralen Ausstellungsort, dem Shanghai Art Museum, um den 1930 von den Briten erbauten und von kolonialem Prestigestreben gezeichneten Shanghai Raceclub handelt.

Vom 9. September bis zum 16. November geht die Shanghai Biennale in die siebte Runde und – siehe 2000 und 2002 – wiederum ist die Mega-City im Allgemeinen und Shanghai im Besonderen das Thema, unter dem fast die Hälfte der Arbeiten (20 von 50) für die Schau in Auftrag gegebenen werden. Neu ist die Mikroperspektive, so dient nun der dem Museum vorgelagerte People’s Square als Spiegel gesellschaftlicher Umwälzungen. 20 weitere Arbeiten sollen Themen wie „Urbanität“ und „Migration“ am Beispiel anderer Städte beleuchten. Als Gegentrend zur „unüberschaubaren Menge an künstlerischen Positionen bei anderen Biennalen“ (Pressetext) entschieden sich die Kuratoren dafür, einen Teil der Ausstellungsfläche für drei Solo-Ausstellungen international noch relativ unbekannter Künstler zu reservieren.

Bei aller Liebe zum Spirit of Shanghai wirkt das didaktische Konzept der 7. Shanghai Biennale ‑ trotz betonter medialer Wahlfreiheit und die Einbeziehung des Stadtraums als Ausstellungsfläche ‑ recht beengend. Zumal im Zwischengeschoss des Museums eine Schau historischer Dokumente und Filme die Geschichte des People’s Square Revue passieren lassen soll. Aber, noch sind die Künstlerlisten nicht bekannt. Auch über die Beiträge der drei Kuratoren herrscht allgemeines Stillschweigen. Immerhin stehen dem künstlerischen Leiter der Biennale Zhang Qing (stellvertretender Direktor des Shanghai Art Museums) diesmal der Holländer Henk Slager (Dekan der Utrecht Graduate School of Visual Art and Design) und Julian Heynen (Direktor der Kunstsammlung Nordrhein Westfalen K 21) zur Seite. Einiges Licht in den Shanghaier Nebel bringt sicherlich die Europa-Pressekonferenz, die am 4. April im Berliner Institut für Auslandsbeziehungen (IFA) stattfinden wird.


Erstveröffentlichung: Informationsdienst KUNST