Qiu Zhijie (邱志杰) | Kunst als kulturelle Recherche ( cn )

Deutsch-Chinesisches Kulturnetz, 2009-12, Ulrike Münter und Li Shuangzhi

„Totale Kunst, das ist für mich Kunst als kulturelle Recherche“, mit diesen Worten umschreibt der 1969 in Zhangzhou, Fujian, geborene Künstler Qiu Zhijie die Zielsetzung seines multimedialen und interdisziplinären Kunstschaffens.

Nicht nur das Material und die Techniken variieren bei Qiu von Werk zu Werk. Sein 2006 begonnenes Langzeitprojekt Suizidologie der Nanjinger Yangtzi Brücke umfasst sowohl ein stetig wachsendes Archiv, als auch eine theoretische und kunstpraktische Auseinandersetzung mit dem Phänomen, dass seit ihrer Fertigstellung 1968 über 2000 Menschen die Yangtzi Brücke in der ostchinesischen Stadt Nanjing als Ort ihres Freitodes wählten. Zudem richtete Qiu Zhijie ein Therapiezentrum für Selbstmordgefährdete und die Hinterbliebenen von durch Selbsttötung Verstorbene ein. Teil des Angebotes ist die Mitarbeit am Projekt. Unter dem Titel Götzendämmerung / Twilight of the Idols zeigt das Berliner Haus der Kulturen der Welt noch bis zum 10. Januar 2010 den vierten Teil der die Suizidologie begleitenden Ausstellungsserie.

Freitod in monumentalem Nebel

In Gips gegossene Frauen- und Männerschuhe balancieren auf einem Seil – falsch, sie stehen auf Stahlschwüngen, die an einem Seil hängen. Die Stahlschwünge wiederum tragen Betonsockel-Attrappen. Schon bei dieser den Ausstellungsraum dominierenden Installation bringt Qiu Zhijie die Sicherheit des ersten Blicks ins Wanken. Auch der Werktitel „Wer waren die glücklichsten Menschen auf der Welt?“ bleibt eine schnelle Antwort schuldig. Zwei Wochen lang haben der Künstler und sein Team die Ausstellung aufgebaut. Für die Bodeninstallation Ma Yuan nach der Revolution – Wellenbewegungen und das stillgestellte Schattenspiel Diploma Nr. 4 stöberten sie in Berliner Antiquariaten und Trödelläden. Entstanden ist ein globales Referenzgefüge, in dem die Monument-Schatten von z.B. Friedrich II oder der Quadriga mit dem Nanjinger Brückenmassiv in Bezug gesetzt werden. „Was zählt sind die Sockel“, erzählt der Künstler, „weniger wichtig ist das, was darauf steht. Von Zeit zu Zeit wechseln wir die Götzen aus, das Bedürfnis jemanden zu verehren bleibt.“ Als Grund, warum die Menschen gerade die Nanjinger Brücke zum Ort ihres Freitodes wählen, nennt Qiu: „Die Brücke liegt sehr oft im Nebel, wie auch die Golden Gate Bridge in San Francisco. Nebel zieht potentielle Selbstmörder nach eigenen Aussagen an. Und dann verleiht ein so renommierter Ort dem eigenen Tod eine gewisse Erhabenheit.“

Zur Verfallszeit architektonischer Erinnerungsträger

„Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? […] Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Haucht uns nicht der leere Raum an? Ist es nicht kälter geworden? Kommt nicht immerfort die Nacht und mehr Nacht?“, fragt Friedrich Nietzsche. In Schriften wie der Fröhlichen Wissenschaft und der 1888 erschienenen Götzen-Dämmerung konstatiert Nietzsche den „Tod Gottes“. Qiu Zhijie hinterfragt – in unverkennbarer Anlehnung an Nietzsche – nicht nur das menschliche Bedürfnis nach einer Orientierung gebenden moralischen Instanz, sondern auch die Verfallszeit der Monumente, die diese Autoritäten im kollektiven Gedächtnis verankern sollen. Ausgangspunkt seiner Betrachtungen ist die Nanjinger Yangtzi Brücke, eines der ruhmreichsten Bauwerke Chinas.

1968 im Auftrage Mao Zedong ohne ausländische Hilfe als Symbol chinesischer Größe und Unabhängigkeit gebaut, fand die knapp sieben Kilometer lange Nanjinger Doppeldeckerbrücke den Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde. Als Qiu Zhijie 2005 zum ersten Mal an der Nanjinger Yangtzi Brücke stand, überraschte ihn, wie wenig machtvoll sie auf ihn wirkte: „Jeder Chinese kennt die Brücke“, blickt Qiu zurück. „Sie taucht überall auf, wo es um besondere Leistungen geht, so z.B. auf Urkunden, die wir als Schüler bekamen. Aus der Nähe kam sie mir dann aber wie eine massige Ruine vor, verstummt, nicht länger von symbolischer Bedeutung. Was bleibt ist das Material, der Zeichencharakter aber ist verloren gegangen. Dann erfuhr ich von der hohen Zahl der Selbsttötungen auf der Brücke und startete meine Recherchen.“

Qiu Zhijie: „Wer eine Vision für die Zukunft hat, will nicht sterben“

Im Januar 2008 entdeckte Qiu Zhijie die mit Blut auf einen Brückenpfeiler geschriebenen Worte „Die Liebe ist tot. Geblieben ist Leere.“ Die letzte Nachricht eines Menschen der hier in den Tod gesprungen ist? Im Juni 2008 schrieb Qiu an dieselbe Stelle mit seinem eigenen Blut: „Wo liegt die Hauptstadt von Madagaskar?“ Zunächst mag diese künstlerische Intervention banal, wenn nicht gar geschmacklos wirken. Wie auch bei einigen Arbeiten in der Berliner Ausstellung bedarf es einer Reflexionsschleife, um die Zielrichtung der Aktion zu verstehen. „Wenn es etwas gibt, das Selbstmörder verbindet, dann ist es wohl eine fehlende Vision“, erläutert Qiu die Intention dieser auf Video aufgezeichneten Schreibperformance. Der Schweizer Germanist und Schriftsteller Herman Burger komprimiert dieses Gefühl der Lebensmüdigkeit in der Formel: „Der Suizid ist eine Neigung nach dem Nirgendwo.“

Qiu Zhijie: „Die Frage, wo die Hauptstadt von Madagaskar liegt und die Uhr in der Berliner Ausstellung, die vom Jahr 5000 an rückwärts läuft, verfolgen dieselbe Intention: Einmal wird ein entfernter Ort ins Bewusstsein gerufen, einmal die Zukunft. Wir brauchen Ziele, die über unseren eigenen Horizont hinausgehen, um unserem Leben seinen Sinn zu geben.“

Es ginge ihm dementsprechend bei dem Suizidologie-Projekt nicht um eine Kritik an Mao Zedong und der Kulturrevolution, wenn er die symbolische Aussagekraft der Nanjinger Yangtzi Brücke in Frage stellt. Vielmehr visualisiere dieses Monument ein interkulturell und Generationen übergreifendes Phänomen der Halbwertszeit, mit der Kunstwerke wie Skulpturen und Gemälde oder eben auch Architektur als Erinnerungsträger funktionierten. Die Alternative zu einer Fremdorientierung im Sinne einer autoritären Ideologie oder Religion besteht in einem individuellen Wertekosmos. Damit geht allerdings die Gefahr der Haltlosigkeit und Vereinsamung einher. Diese Schattenseite der Freiheit zeigt sich u.a. in der weltweit hohen Zahl von Menschen, die sich für den Freitod entscheiden.

Die Trauer verklingender Töne

Eine Uhr nähert sich vom Jahr 5000 der Gegenwart. Spiegel-Krähen werfen Lichtschatten. Die Seiten aufgeschlagener Bücher, die in ihrem Schwarz/Weiß-Kontrast die Umrisse der Nanjinger Yangtzi Brücke bilden, bewegen sich im Luftzug leise rauschender Ventilatoren. Ein Fahnenmast ist umgestürzt, wodurch die Bienenstöcke im ehemals tragenden Sockel sichtbar werden. Qiu Zhijies Ausstellung Götzendämmerung / Twilight of the Idols ist still und beredt gleichzeitig. Der Künstler tritt zurück hinter seine Mission. Diese Mission wiederum ist lediglich Angebot an diejenigen, die von ihr wissen möchten und argumentiert bar jeder missionarischer Aufdringlichkeit.

Auch nachdem der Künstler und sein Team Berlin wieder verließen, zeugt das Schattenspiel Diploma Nr. 4 von der multimedialen Eröffnungsperformance am 8. Oktober 2009. Hinter einer riesigen Leinwand hängen Kleidungsstücke auf einer Leine. Andere liegen am Boden und sind Teil einer Installation aus Notenbüchern, Arbeitshandschuhen, Wasserschüsseln und mehrsprachigen Parolen in Form von Pappbuchstaben. Hinter der semitransparenten Wand arrangiert und angestrahlt, ergeben die Requisiten die Konturen der Nanjinger Yangtzi Brücke. Eine Videodokumentation reproduziert die dissonanten Klänge, die die fallenden Gegenstände erzeugten, wenn sie die im unteren Teil des ‚Bildes’ gespannten Drähte streiften. Qiu Zhijie verrät die Geschichten der Menschen nicht, denen das Leben zur unerträglichen Last wurde, die Klänge und insbesondere ihr Verstummen lassen sie dennoch anwesend sein.


Erstveröffentlichung: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz

Ausstellung Götzendämmerung/ Twilight of the Idols im Haus der Kulturen

Website von Qiu Zhijie

Informationen zu Qiu Zhijie in der Künstler-Datenbank „Culturebase“ (HdKdW)