Nahaufnahme China

artnet 2006-05-29

„Wer dokumentiert und organisiert die Bildgeschichte der Chinesen und der chinesischen Gesellschaft?“, fragt der Fotograf und Fotografiekritiker Wang Rui suggestiv in seinem Katalogbeitrag zur Ausstellung „Humanism in China – Ein fotografisches Portrait“, die am Wochenende im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) eröffnete. Wir kennen die Antwort: der Westen. Es ist an der Zeit, dies zu ändern, finden die Kuratoren An Ge und Hu Wugong.

Auf ihren Reisen durch die unzähligen Provinzen Chinas sammelten die Ausstellungsmacher mehr als hunderttausend Negative aus Archiven und Privatbesitz. Über 50 Jahre chinesische Geschichte sind darin aufgehoben. Der Blick galt insbesondere den Menschen vom Lande, den Bauern, den Ärmsten der Armen, den Opfern von Krankheit und Gewalt. 600 Aufnahmen wählte das Kuratorenteam aus, um sie unter den Rubriken „Existenz“, „Beziehung“, „Begehren“ und „Zeit“ zu präsentieren. Die Ausstellung hatte eine klar definierte Zielgruppe: die chinesischen Landsleute. Zum ersten Mal zu sehen waren die Fotos 2003 im Guangdong Museum of Art in Guangzhou, es folgte Shanghai, dann Peking.

2004 gehörten zu den Shanghaier Ausstellungsbesuchern auch fünf Museumsdirektoren aus Deutschland, unter ihnen MMK-Direktor Udo Kittelmann. Die chinesische Botschaft hatte sie eingeladen, sich auf einer 10-tägigen Reise einen Eindruck von der Kulturlandschaft Chinas zu verschaffen. Als die deutschen Gäste durch Zufall in die besagte Foto-Schau gerieten, bekamen ihre Gegenwartsimpressionen eine historische Dimension. Die Bilder aus der jüngsten Vergangenheit des Landes, die Nahaufnahmen von Menschen in den unterschiedlichsten Situationen des Alltags erzeugten vor allem ein Gefühl - Respekt. Nicht der Wirtschaftsboom Chinas, so Kittelmann, lasse die Kulturen einander näher kommen, sondern die Begegnung von Mensch zu Mensch. Aus dieser Erfahrung reifte schnell der Entschluss, die Ausstellung – wenn irgend möglich – nach Deutschland zu holen.

Udo Kittelmann begrüßte die chinesischen Kollegen bei der Ausstellungseröffnung als „Freunde“. Stolz sind alle Beteiligten, dass das Projekt realisiert werden konnte. „Man stelle sich vor, ein so rückhaltlos ungeschöntes Bild von Deutschland würde ins Ausland geschickt!“ Nein, er habe sich in keiner Weise eingemischt in diese Ausstellung, betont Kittelmann. Lediglich die Übersetzungen der Bildtitel und der Katalogessays wurden aus Deutschland beigesteuert. Die Reihenfolge der Fotos und die Themenblöcke entsprechen eins zu eins der chinesischen Ausstellung. „Wir wissen, dass dies ein heikles Unterfangen ist. Schon der Titel der Ausstellung ist eine Herausforderung an die westliche Transferfähigkeit. Denn naturgemäß meinen die chinesischen Kuratoren mit ‚Humanität’ nicht das, was wir mit dem Begriff verbinden. Ich fordere immer wieder dazu auf, das Begleitheft mit den Katalogessays zu lesen.“

„Der Mensch wird in den Mittelpunkt des Objektivs gerückt“ – dies, nicht mehr und nicht weniger, meinen die Kuratoren mit einer humanistischen Fotografie. Ein weiterer wichtiger Begriff ist der der Authentizität. Situationen werden nicht manipuliert, Fotos nicht nachbearbeitet. Der „künstlerischen Kreation“ stellt man die Fähigkeit zur „Entdeckung“ gegenüber. Die Katalogessays geben einen Überblick über die Fotografiegeschichte Chinas, dokumentieren das Ringen um eine Geschichtsschreibung im Medium des Bildes. „Erinnerungsalben“, das heißt private Fotografien, sollen in diesem Reflexionsbemühen an die Seite des ideologisch dominierten offiziellen Geschichtsbildes treten.

„Die ausgewählten Fotos sind durchgehend ruhig, zurückhaltend und introvertiert“, resümiert der Fotografieexperte Yan Wendou. „Wenn es um den Menschen und die Menschlichkeit geht, muss man nicht sofort Krallen und Zähne zeigen.“ Sicherlich – ein Großteil der Bilder zeigt arbeitende, schlafende, schauende, trauernde, leidende oder wartende Menschen. Auch die Dominanz an Schwarzweißbildern dämpft die Grundstimmung der Ausstellung. Der Aufruhr findet nur selten im Bild statt. Eine dieser Ausnahmen ist das Foto des am Boden liegenden Bauern, den ein „brutaler Dorfkader“ schlug. Nachhaltig aufwühlend sind die Bilder der Resignation und der Hoffnungslosigkeit wie die Frontalansicht dreier Jungen in einem Kinderheim. Zwei von ihnen hat man mit Händen und Füssen an ihre Stühle gebunden, der Dritte ist am Fußknöchel fixiert. „In einem Führsorgeheim sind die Pflegekräfte knapp“, heißt es als Bildunterschrift. Die Beklommenheit nimmt durch diese Auskunft eher zu als ab. Dem Menschen sollte doch in dieser Ausstellung die Aufmerksamkeit zu Teil werden, die ihm zuvor versagt wurde. Hier aber wird durch eine kritische Bestandsaufnahme von den Kindern und ihrem Schicksal abgelenkt. Die bloße Nennung des Ortes wäre dienlicher gewesen. Andererseits machen Titel wie diese auch die übergeordnete Intention der Kuratoren deutlich: Missstände sollen ungeschönt aufgezeigt werden, um damit den Willen zur Abhilfe zu unterstreichen. Wir befinden uns in einer öffentlich genehmigten Ausstellung, das sollte nicht vergessen werden. Kritik ohne Perspektive auf bessere Zeiten hätte sicherlich nicht so ungehindert den Weg ins Ausland gefunden.

Bilder von rasant wachsenden asiatischen Metropolen und Werke chinesischer Gegenwartskunst – in ihrer nicht selten schrillen Ästhetik – haben bereits Eingang gefunden in den westlichen Vorstellungshorizont. Mit der Ausstellung „ Humanism in China“ erreichen uns Bilder des täglichen Lebens aus dem gestrigen und heutigen China; die Art, wie sie gezeigt werden, macht deutlich, dass der offizielle Umgang mit Schattenseiten des eigenen Landes im Wandel begriffen ist. Wer China jenseits einer touristischen Oberflächenschau verstehen möchte, dem sei die Ausstellung und der Katalog empfohlen.

Gleichzeitig mit „Humanism in China“ zeigt das MMK noch weitere Werke zum Thema China. Ob es sich dabei um Ai Weiweis Arrangement von traditionell bemalten Vasen handelt, deren Muster zu unterschiedlichen Anteilen hinter einer kaltweißen Glasur verschwinden, oder um den Komik-Verschnitt beweglicher Figürchen einer Menschenmenge, die Thomas Bayrle produzierte: Diese Arbeiten schlagen die Tür zur Lebenswirklichkeit Chinas wieder zu, die sich durch die Fotos einen Spalt weit geöffnet hatte. Wir befinden uns wieder auf der Oberfläche. Einzig Barbara Klemm gelingt es mit den Schwarzweiß-Fotografien ihrer 1985 unternommenen China-Reise einen Ton anzuschlagen, der mit den Bildzeugnissen der chinesischen Kollegen harmoniert und, wie Udo Kittelmann es so schön auf den Punkt brachte, von Respekt zeugt.

Weitere Stationen der Ausstellung sind die Staatsgalerie Stuttgart, die Bayrische Staatsgemäldesammlungen München, die Staatlichen Museen zu Berlin und die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Der Originalkatalog wird durch ein deutschsprachiges Begleitheft ergänzt (Edition Braus, 35,- Euro).

„Humanism in China – Ein fotografisches Portrait“, Museum für Moderne Kunst, Frankfurt. Bis zum 27. August 2006

Tian Fei
Tian Fei
2002 Wuhan, Hubei
Dorfbewohner beim Seilspringen in der Vorstadt

Yuan Dongping
Yuan Dongping
1994 Pishan, Xinjiang
Zwei uighurische Frauen mit ihren Kindern im Krankenhaus

Xu Jinyan
Xu Jinyan
1998 Huize, Yunnan
Ein Bergbewohner hat in der Stadt Polstermöbel gekauft und wartet auf die Dorfbewohner, die beim Transport nach Hause helfen

Wang Chongyan
Wang Chongyan
2002 Daqing, Heilongjiang
Weibliche Todeskandidaten hoffen auf eine Änderung des Urteils
34,4 x 50,5 cm
© fotoe.com

Liu Dewang
Liu Dewang
Dezember 2000, Xi’an Shaanxi
Schockierter Besucher in einer „Körper“- Ausstellung

Lu Guang
Lu Guang
November 2001 Shanghai, Henan
13-jähriger Jugendlicher hält Andacht für seine an Aids gestorbenen Eltern
33,2 x 50,7 cm
© fotoe.com

Wang Wenlan
Wang Wenlan
1991 Shanghai
Mit dem Rad zur Arbeit
34,2 x 50,7 cm
© fotoe.com

Gu Yongwei
Gu Yongwei
September 1998 Jinan, Shandong
Einige Bauern leben von der Blutspende
34,4 x 50,6 cm
© fotoe.com

Wang Zheng
Wang Zheng
Haiyuan, Ningxia, 1998
Besucher eines schneebedeckten Gräberfelds

Yu Zhixin
Yu Zhixin
1995 Chongqing
Die am Kai aufgetürmten Waren werden von Schauerleuten in das Schiff geladen

Chen Ling
Chen Ling
November 2001 Harbin, Heilongjiang
Vor dem Winterschwimmen erst ein Erinnerungsfoto
36,2 x 50,8 cm
© fotoe.com

Zhu Xianmin
Zhu Xianmin
1986 Henan
Nach dem Markt machen Verkäufer Feierabend

Li Nan
Li Nan
1990, Jinan, Shandong
In einem Fürsorgeheim sind die Pflegekräfte knapp

Liu Jianming
Liu Jianming
Februar 1989 Yuanjiang, Yunnan
Ein alter Mann, der sich selbst „Volks-Kalligraph“ nennt, hinterlässt überall seine Handschrift
34,1 x 50,8 cm
© fotoe.com

Song Gangming
Song Gangming
August 1997 Wuhan, Hubei
In einer Drogenentziehungsanstalt kniet eine drogenabhängige Frau auf dem Boden
50,6 x 34,4 cm
© fotoe.com

Hao Junchen
Hao Junchen
2003 Beijing
Ein alter Mann mit dem Bild seiner verstorbenen Frau macht den gemeinsamen Traum einer Reise nach Beijing wahr
50,8 x 34 cm
© fotoe.com

An Ge
An Ge
1982 Liannan, Guangdong
Die Straße durch die Berge ist fertig gestellt. Kinder rennen auf den Gipfel und betrachten die Autos

Liu Jun
Liu Jun
Mai 1985 Huanyin, Shanxi
Der brutale Dorfkader schlug einen alten Bauern zu Boden
50,9 x 39,2 cm
© fotoe.com

An Yongcan
An Yongcan
1998 Dali, Shaanxi
Anfang des neuen Jahres bleibt ein Traktor stehen, der an einer Festveranstaltung (Shehuo) teilnehmen sollte