Die unverhoffte Leichtigkeit des Sehens

artnet 2005-05-26

Bei soviel Lichterglanz wie im alltäglichen Peking nach Sonnenuntergang - wer würde da je auf die Idee kommen, sich in einem Land mit Energieproblemen zu befinden? Unzählige Lichterketten und bunt leuchtende, metergroße Schriftzeichen in schwindelnder Höhe künden selbst das schäbigste Restaurant an. Die Stadt glitzert und flackert bei Nacht in allen Farben und der Staub, der im Tageslicht alles mit einem Grauschleier überzieht, ist vergessen. Auch in den Werken zeitgenössischer chinesischer Künstler schreien uns sehr oft grelle Farben entgegen, als sollte mit aller Gewalt und mit jedem Strich das Grau-Braun-Dunkelblau der Maozeit zu Grabe getragen werden.

Die Arbeiten des chinesischen Künstlers Shi Jing (geboren 1971) – derzeit zu sehen bei Alexander Ochs in Berlin – überraschen deshalb umso mehr. Der Künstler beschränkt die Farbpalette seiner in Öl auf Leinwand oder Seide gearbeiteten Landschaften auf Grauabstufungen; und selbst diese Scala wird nur von Bild zu Bild und im Bereich minimaler Kontraste bedient. Glaubt man zunächst, innerhalb einer Arbeit Hell-Dunkel-Variationen erkennen zu können, so betont der Künstler auf Nachfrage, dass es sich um Monochrom-Malerei handelt. Schlechte Lichtverhältnisse oder ein ungünstiger Standpunkt beim Betrachten machen in den Bildern der Ausstellung About: Blank das Gezeigte nahezu unsichtbar. Versuche, die Werke zu fotografieren, verdeutlichen das nur allzu gut: Die Wellenformationen von Sea 1 scheinen sich in der grauen Fläche zu verflüchtigen. Und dabei handelt es sich bei dieser großformatigen Arbeit um eine der deutlicher konturierten.

Mit stoischer Kontinuität treibt Shi Jing den Prozess der Dematerialisierung des Bildgegenstandes voran, was die Auswahl der nach Berlin gebrachten Werke bereits augenfällig macht. So sind auf Crossroad 2# und Crossroad 3# noch klar erkennbar traditionelle chinesische Häuser mit Pagodendächern auszumachen, Wu Dang Mountain dagegen ist fast gänzlich flächig angelegt. Dem breiten Pinselstrich oder der Bewegung des Spachtels folgend, erschließen sich die Berggipfel. Bei frontaler Draufsicht nur noch erahnbar, scheint am Hang ein Tempel angesiedelt. Nun spätestens – manche der Besucherinnen und Besucher beginnen diese Zeremonie schon beim ersten Bild – fängt das Suchen nach dem optimalen Blickwinkel an, der bei Wu Dang Mountain rechts neben dem Bild am Boden liegt. Wer aus der Hocke ins Bild hinein schaut, dem treten plötzlich die Gebäude des Tempels in jedem Detail klar und deutlich hervor. Nach dieser Belohnung ist man gern bereit, auch bei den folgenden Arbeiten aktiv zu werden. Für das chinesische Publikum übrigens ist der Titel sprechend. „Wu Dan Shan“ ist in China allgemein als heiliger Berg für die Anhänger des Taoismus bekannt und der dortige Tempel als Weltkulturerbe registriert. Diese besondere Bedeutung der Landschaft unterstreicht der Künstler, indem er einzig sie im Titel der Arbeit eindeutig lokalisiert. Ansonsten bleiben seine Titel abstrakt.

Ein interessantes Spiel zwischen Bezeichnung und Bezeichnetem ergibt sich innerhalb der Crossroad-Serie. So ist auf den Bildern wahrlich keine Straße zu sehen, geschweige denn Autos oder Menschen. Diese Irritation aber weist den Weg zur philosophischen Grundhaltung des Künstlers. Deutlich wird das, sobald man sich den Grundsätzen des Taoismus zuwendet oder den intellektuellen Umweg über Francois Julliens Éloge de la fadeur (Über das Fade [...], deutsch 1999) nimmt. In der Hilflosigkeit der westlichen Kunstkritik im Umgang mit der plötzlichen Präsenz chinesischer Werke auf dem internationalen Markt, erreicht der französische Sinologe und Philosoph Francois Jullien zur Zeit eine Interessengruppe, für die seine Schriften nicht unbedingt gedacht waren, da doch sein Augenmerk der Kultur des klassischen China und dementsprechend der klassischen Kunst galt.

Während die Rezeption von Julliens Schrift Vom Wesen des Nackten (deutsch 2003) zu großen Missverständnissen geführt hat, öffnen seine Ausführungen über das Phänomen des Faden uns europäischen Rezipienten die Augen. „Vorzeichenwechsel“ nennt Jullien unsere Horizonterweiterung, wenn wir beispielsweise den für uns negativ konnotierten Begriff als einen in der chinesischen Tradition durchgängig positiv besetzten kennen lernen. Wenn Jullien dabei auch die allseits bekannten Landschaftsmalereien in Tusche-Manier im Hinterkopf hat, so scheinen die Bilder Shi Jings doch wie eine radikale Fortsetzung dieser Denkfigur. „Eine eintönige, einfarbige Landschaft, die alle Landschaften in sich enthält, in der sich alles auflöst und wechselseitig aufwiegt“, heißt es da. Es ist von der „Flachheit des Ensembles“ die Rede, das „von jeder Schwere entlastet“ scheint. Vor den monochromen Bildern Shi Jings kann man dem nur zustimmen und denkt kaum an schwarze Tusche auf hellem Untergrund.

Shi Jing, der sich selbst als Landschaftsmaler bezeichnet, ist aber nicht nur im Verzicht auf Hell-Dunkel-Kontraste radikaler als seine traditionellen Vorbilder, er verzichtet auch gänzlich auf Personal. Und sogar Vegetation gibt es – bis auf die Ausnahme einer einzigen Palme bei Crossroad 2# – nicht. Auf Jullien angesprochen, entschuldigt sich der Künstler dafür, ihn leider nicht zu kennen und verweist darauf, dass die Bilder einzig Resultate seiner Naturbetrachtungen seien. Einmal mehr zeigt sich hier die unumgängliche kulturelle Differenz zwischen der europäischen Tradition der Reflexionsphilosophie und der sehr lebenspraktisch orientierten chinesischen Tradition. Was Jullien Umweg über China (deutsch 2002) nennt und dabei bis in die Antike ausholend für Europa und China zurückverfolgt, wird vor den Bildern Shi Jings zur erfahrbaren Qualität. Ein und derselbe See ist nun mal bei jedem Hinschauen anders.

Wo aber ist nun die Kreuzung, die „Crossroad“? Es ist der Freiraum zwischen den Häusern, der zum Titel gebenden Objekt wird. Denn nicht der Wirrwarr der Häuser interessiert den Künstler, sondern die organisch geschwungenen, flusslaufähnlichen Linien dazwischen. Das Jullien-Zitat „[...] von jeder Schwere entlastet“ beschreibt die Wirkung der Ausstellung verblüffend gut. Doch ob mit oder ohne intellektuelles Rüstzeug – die beschwingende Leichtigkeit und den Spaß, erst wenig oder nichts und dann doch so unverhofft viel gesehen zu haben, beeinflusst das nicht. Nicht schwer ist nachzuvollziehen, dass Fotos jede Ahnung einer solchen Bildwirkung verweigern. Als „Alptraum“ bezeichnete die Fotografin Sylvia Chybiak das schier unmögliche Unterfangen, die Arbeiten Shi Jings abzulichten.

In der chinesischen Kunstszene bereits vielbeachteter Newcomer, ist Shi Jing in Europa noch nahezu unbekannt. Ab dem 13. Juni 2005 werden seine Arbeiten, die erstmals auf der Art Cologne 2004 gezeigt wurden, in der Kunsthalle Bern im Rahmen der Ausstellung Mahjong – Chinesische Gegenwartskunst aus der Sammlung Uli Sigg zu sehen sein.

Alexander Ochs Galleries Berlin | Beijing
Sophienstr. 16
10178 Berlin

Herzlicher Dank an die Übersetzerin und Sinologin Min Au Ha, die die Kommunikation mit dem Künstler ermöglicht hat.