Im Jahr der Ratte

Informationsdienst KUNST, Nr. 395, 2008-02-07

Zwei Messen für Gegenwartskunst in Peking, eine in Shanghai. Wäre da nicht der Streitfall Pierre Huber

Am 7. Februar beginnt in China das Jahr der Ratte. Da die Ratte im chinesischen Horoskop das erste Tierkreiszeichen ist, verbindet sich mit 2008 euphorische Aufbruchstimmung. Die Olympischen Spiele in Peking tragen ihren Teil dazu bei. Den Start des chinesischen Kunstmessen-Marathons macht im April die zum fünften Mal in Pekings World Trade Center stattfindende Cige (Chinese International Gallery Exposition, 25. – 28.4.). Gleich im Anschluss an das sportliche Spitzenereignis findet vom 6. – 9. September zum dritten Mal die Art Beijing Contemporary statt. Das China National Agricultural Exhibition Center steht diesmal unter dem Motto „Young fresh and forward thinking“. Mit einem Schwenk nach Schanghai startet dort am 9. September die siebte Shanghai Biennale, die diesmal einen Schwerpunkt auf Foto- und Videoinstallation setzt (bis 16.11).

Mit Spannung erwarteten Galeristen, Sammler und Kritiker im letzten September die erste von einem ausländischen Team organisierte und kuratierte Messe ShContemporary. Als Direktor agierte Lorenzo Rudolf, ehemaliger Leiter der Art Basel und Mitinitiator der Art Basel Miami Beach, als künstlerischer Leiter der Genfer Galerist und Sammler Pierre Huber. Messeausrichter war die Firma BolognaFiere Spa. Der chinesische Künstler Zhou Tiehai übernahm eine Beraterfunktion. Die Leitidee Hubers, nämlich 50% Kunst aus Asien und 50% aus anderen Ländern zu zeigen, stieß auf allgemeines Interesse. Auch nach der Messe waren höchst löbliche Töne zu hören. Das explizite Ziel, die neue Klientel von asiatischen Sammlern zu erreichen, wurde als gelungen bewertet. Sicherlich hatten Hubers Erfahrungen mit der chinesischen Kunstszene, die bis in die 1980er Jahre zurückreichen, nicht unwesentlich dazu beigetragen.

Leider mischten sich schon im Vorlauf der Messe die ersten Missklänge in den Chor des Lobes. Huber hätte bei Atelierbesuchen Künstler zum Verkauf gedrängt und die durch seine Galerie Art & Public vertretenen Künstler bevorzugt, als es um die Auswahl für die Messe-Sonderschauen „Best of Artist“ und „Best of Discovery“ ging. Weitere Klagen gab es in den Wochen nach der Messe. Versprechungen, was die Zukunft verkaufter Werke angeht, seien nicht eingehalten worden. So sollen Arbeiten von On Kawara und Thomas Ruff anstatt im Museum auf Auktionen gelandet sein. Neben dem New Yorker Galeristen David Zwirner beklagt auch Alexander Ochs aus Berlin Vertragsbrüche beim Prozedere mit verkauften Arbeiten. Mit einem Brief an Lorenzo Rudolf forderte der französische Galerist Enrico Navarra bereits im letzten Oktober den Ausschluss Hubers von der Planung der ShContemporary 2008 (10. - 13.9.). Inzwischen wurde ein gerichtliches Verfahren eingeleitet. Gleichzeitig gibt es beharrliche Stimmen der Wertschätzung. Der in Schanghai ansässige Schweizer Galerist Lorenz Helbling enthält sich im ‚Streitfall Huber’ einer Beurteilung. In Bezug auf die ShContemporary ist er eindeutig: „Es ist einfach schade um eine Messe, die gut angefangen hat.“ Die Wiener Galeristin Ursula Krinzinger geht noch weiter. Sie überlegt, bei einem Wechsel der künstlerischen Leitung von einer erneuten Anmeldung zur Messe abzusehen. In Huber sieht sie einen nur schwer zu ersetzenden „Spezialisten und Kenner des chinesischen Kunstmarktes, der eine hohe Qualität an präsentierten Künstlern garantiert“.

Der Druck auf den Messedirektor Lorenzo Rudolf wächst. Im Interview mit der Londoner The Art Newspaper reagierte er auf die lauter werdenden Rücktrittsforderungen mit gebotener Diskretion: „Wir können keine Interessenskollisionen dulden, das steht fest. Noch ist aber keine Entscheidung getroffen.“ Auf die direkte Anfrage bei Pierre Huber, wie sich die Situation aus seiner Perspektive darstellt, gab es bisher keine Antwort.

Nachtrag: kurz nach Erscheinen des Artikels erreichte die Redaktion eine Stellungnahme von Pierre Huber


Erstveröffentlichung: Informationsdienst KUNST