Ich sehe das, was du nicht siehst

artnet, 2006-03-29

Im Katalog gibt es sie nicht, vor dem Original sind sie leicht zu übersehen und wenn man sie denn sieht, sind Chinesisch-Kenntnisse von Nöten, um sie zu verstehen: Die Rede ist von Fang Lijuns Zeitungsstreifen-Rahmung seiner Arbeiten Drawing No. 5 und Drawing No. 6.

Da die beiden Zeichnungen westliche Betrachterinnen und Betrachter auch sonst in vielerlei Hinsicht an ihre Grenzen stoßen lassen, war das Angebot der chinesischen Germanistin Y. J. herzlich willkommen, sich in der Ausstellung des Berliner Kupferstichkabinetts zum Gespräch zu treffen.

Der Kurator Andreas Schalhorn hatte nicht schlecht gestaunt, als die Bleistiftzeichnungen in Berlin eintrafen. Auf den Ektachromen, die man für den Katalog erhalten hatte, waren die circa einen Zentimeter breiten Streifen einer chinesischen Tageszeitung einfach abgeschnitten worden.

Aber auch ungeachtet der Rahmung fallen die beiden Arbeiten in der Ausstellung aus der Reihe. Als „trist“ bezeichnet sie ein vorbeigehender Besucher, da sich doch mit dem Namen des international erfolgreichen Künstlers Fang Lijun zunächst einmal die grellbunten, großformatigen Holzschnitte in expressionistischer Manier und die zahlreichen in Öl oder Acryl gemalten Wasser-Szenarien verbinden. Die besagten Drawings sprechen sowohl technisch als auch inhaltlich eine ganz andere Sprache. Ob nun die Kinder vom Lande, die Gruppe cooler junger Männer oder die aufgereihten Mönche: Fang lässt seine Protagonisten – in feinsten Grauabstufungen schraffiert – plastisch aus der Bildfläche hervortreten. Völlig unbeeindruckt scheint das Personal von der Weite des Meeres, das sich – zum Greifen nahe – über den gesamten Bildhintergrund erstreckt.

Einen ersten Anhaltspunkt für den besonderen Stellenwert der Drawings liefert die Entstehungszeit der Zeichnungen, nämlich die Jahre 1989 bis 1990 – alle anderen Exponate entstanden um die Jahrtausendwende. Bis heute haben sich die Schockwellen noch nicht gelegt, die das brutale Vorgehen gegen die Demonstranten auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 hervorgerufen hatte. Wie ließe sich aber ein Zusammenhang zwischen den dargestellten Szenen und diesem menschenverachtenden Akt chinesischen Machtgebarens denken? Dass es sich bei den Zeitungsstreifen nicht lediglich um einen stabilisierenden Untergrund handelt, der an den Rändern des Bildes übersteht, legt bereits die akkurate Klebung der Zeitungsausschnitte nahe. Auch weisen Reste des markierenden Bleistifts und ein minimaler Abstand zwischen Bild und Rahmung diese Vermutung zurück. Fang Lijun achtete penibel darauf, das längs der Schnittrichtung verlaufende Schriftbild nicht zu beschädigen.

Y. J. beginnt mit ihrer Betrachtung oben rechts bei Drawing No. 5: Was auf den ersten Blick wie eine grau gescheckte Fläche aussieht, entpuppt sich nach der anschließenden Textpassage über die erfolgreiche chinesische Steuerpolitik als Fertigungshalle einer Textilfabrik. Es folgt ein Artikelausschnitt, in dem Maßnahmen gegen die im Lande grassierende Korruption erörtert werden. Nach den fett gedruckten Zeichen für „Familie“ und „Fest“ wird dann auch wirklich auf die Niederschlagung der Demonstration Bezug genommen: „Es fehlt ein Gesetz über die Absperrung öffentlicher Plätze, was auch am 4. Juni zu Problemen geführt hat.“ Und weiter: „Wären die Menschen besser informiert gewesen, hätten sie mehr Verständnis für die polizeilichen Maßnahmen aufgebracht.“ In der nächsten Spalte wird über den Unfall in einer Chemiefabrik berichtet. Der Streifen der linken Seite könnte der gleichen Zeitung entnommen worden sein: Nach Berichten über Korruption und Steuerpolitik folgen die Schriftzeichen für „Arbeit“ und „heute“. Einer Diskussion über „Säuberungsmaßnahmen auf dem Buchmarkt“ schließt sich die Rechtfertigung eines Militäreinsatzes an, wie er am 4. Juni stattfand.

Für Y. J. ist auch die Bildsprache von Drawing No. 5 eindeutig politisch konnotiert. „Mir fällt da sofort die Fernsehdokumentation „ Heshang“ ein – der Titel wird meist mit „ Der Tod des Flusses“ oder „ Flusselegie“ übersetzt – die 1988 große Debatten auslöste. Die Intellektuellen begannen, die seit zwei Jahrtausenden überlieferten chinesischen Kulturtraditionen in Frage zu stellen.“ Es gelte, die „Kultur des gelben Flusses“ zu hinterfragen, lautete das Motto der Sendung. Einer Rückkehr zu traditionell chinesischen Werten im Sinne des Staatsgelehrten Konfuzius, wie sie von politischer Seite gerade heute wieder propagiert wird, erteilte man hingegen eine klare Absage. Nicht Familiensinn und Unterordnung sollten die Leitsätze des Menschen im heutigen China sein, sondern die Orientierung am globalen Wertekosmos. Genau dieser Blick über den Tellerrand ist Chinas Politikern bis heute ein Dorn im Auge. Nach dem 4. Juni 1989 forderte man von offizieller Seite mit noch größerem Nachdruck dazu auf, sich vor den schädlichen Einflüssen der „blauen Ozeankultur“ – sprich des kapitalistischen Westens – zu schützen. „Nach dem 4. Juni wurde die Sendung verboten, was nicht weiter verwunderlich ist“, so Y. J.

Die Abkehr der Drawing-Protagonisten vom „blauen Ozean“ ist also programmatisch aufzufassen. Während die Kampagne zur kollektiven Reflexion über die kulturellen Wurzeln Chinas das Mädchen im Bildvordergrund von Drawing No. 5 nicht weiter betrübt, scheinen die diagonal durchs Bild laufenden jungen Männer bereits resigniert. Mit gebeugten Rücken, lässig-nachlässiger Kleidung und Schuhen ohne Riemen wirken sie wie willenlose Klone. Sogar die kraftlos halbgeöffneten Hände sind bei allen sechs Gestalten identisch. Nein, keiner dieser „Typen“ würde je auf die Idee kommen, für das Recht auf freie Meinungsäußerung zu demonstrieren. Und ob die Kinder im harten Konkurrenzkampf einen der wenigen Studienplätze erhalten werden, ist mehr als ungewiss. Dem Jungen scheint das Lachen schon vergangen zu sein.

Y. J.s Blick schwenkt zu Drawing No.6: „Hast Du gesehen, wie verkrampft die Mönche die Hände zusammenlegen? Und ihre missgelaunten Gesichter…“ Dann beginnt sie die Textpassagen des Zeitungsrahmens vorzulesen, die durch den Abdruck des Namens – zentriert über der Zeichnung – als Arbeiter-Tageszeitung (Gongren Ribao) ausgewiesen ist. „Zhao Ziyang kehrt von einem Staatsbesuch aus Nordkorea zurück“, heißt es oben rechts in der Ecke. Für Y. J. reichen diese wenigen Zeichen aus, um sie in den Kontext der Studentenunruhen zu bringen. „Als einziger der führenden Politiker sprach Zhao Ziyang, der damalige Generalsekretär der KPC, mit den protestierenden Studenten. Er hatte sogar ein gewisses Verständnis für ihre Forderungen. Den Einsatz von Gewalt lehnte er ausdrücklich ab. Nach der Niederschlagung der Proteste musste Zhao alle seine Posten aufgeben und wurde unter Hausarrest gestellt. Der dauerte bis zu seinem Tod 2005.“

Es folgen Artikelpassagen, in denen „die musterhafte Leistung einzelner Arbeiter“ gepriesen wird, mit dem Hinweis, wie wichtig es sei, „die persönlichen Interessen hinter die der Gemeinschaft zu stellen“. Die Vorbildlichkeit von Fortbildungsmaßnahmen in der Stahlindustrie und die Erfolge der Ein-Kind-Politik sind weitere Themen. Die Erwähnung eines Shanghaier Campusfestes kommentiert Y. J. mit den Worten: „Das war vor dem 4. Juni, da war noch alles friedlich.“ Geradezu kaleidoskopartig scheint Chinas Sommer 1989 durch die wenigen Zeichen eines einen Zentimeter breiten Zeitungsausschnitts.

Nach dem Gespräch wirken die Zeichnungen wie verwandelt. Als die Aufsicht uns daran erinnert, dass die Ausstellung in wenigen Minuten schließe, spüren wir die Erschöpfung. Auch Y. J. bedankt sich für das Gespräch. Immerhin habe man in China ein sehr gespaltenes Verhältnis zu Fang Lijun. Er gilt gemeinhin als jemand, „der für den Geschmack des Westens produziert“. In Bezug auf die Drawings klingt diese Einschätzung freilich absurd. Wer nämlich im Westen ist in der Lage, die Brisanz dieser Arbeiten wahrzunehmen?

„Fang Lijun – Holzschnitte und Zeichnungen“ noch bis zum 17. April 2006 im Berliner Kupferstichkabinett, Matthäikirchplatz 8, 10785 Berlin.

Auf Wunsch von Y. J. wird ihr Name hier nicht genannt.


Erstveröffentlichung: artnet