Ungeschönter Blick auf den Alltag in China

Kunstzeitung 2006-06

Im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) startet die Foto-Ausstellung Humanism in China.

Diese Ausstellung ist anders, grundlegend anders als die Vielzahl der seit Anfang der 90er Jahre durch den Westen tourenden Präsentationen chinesischer Gegenwartskunst. Hier geht es nicht um Kunst, sondern um Geschichtsschreibung im Medium des Bildes. Ein ausschließlich chinesisches Kuratoren-Team und der Direktor des Guangdong Museum of Art (Guangzhou) Wang Huangsheng präsentieren unter dem Titel Humanism in China 590 Dokumentarfotografien der letzten 50 Jahre. Auf Reisen durch die unzähligen Provinzen Chinas sammelten sie mehr als hunderttausend Negative aus Archiven und Privatbesitz.

In der Stimme des MMK-Direktors Udo Kittelmann schwingt unüberhörbar Pathos mit, wenn er von der Vorgeschichte dieses außergewöhnlichen deutsch-chinesischen Projektes spricht. Während einer 2003 unternommenen China-Reise stießen er und vier weitere deutsche Museumsdirektoren durch Zufall in Shanghai auf jene Foto-Ausstellung, die nun in Frankfurt zu sehen ist. Man war sich einig, dass genau diese Schau in Deutschland präsentiert werden sollte. „Hier zeigt sich nicht unser westlich interpretierender und kommentierender Blick auf China,“ so Kittelmann, „vielmehr dominiert die aktuelle Sichtweise chinesischer Kuratoren auf ihr ‚Reich der Mitte’“.

Aber was bringt die Kuratoren dazu, Fotos auszustellen, die neben Szenen des mühsamen aber auch ausgelassen-fröhlichen Alltags ‑ während und nach der Kulturrevolution ‑ nicht davor zurückschrecken, mit schonungsloser Direktheit die Armut von Bauern und Dorfbewohnern, die erbärmlichen Zustände in Krankenhäusern, Kinderheimen und Gefängnissen festzuhalten? Riskieren sie nicht gar Probleme mit der Zensur? „Möglicherweise wird die in diesen Fotografien dargestellte Realität bei manch einem Politiker oder Staatsbeamten widerstreitende Gefühle und Unbehagen hervorrufen“, heißt es im Vorwort des Katalogs. Beim ersten Gang durch die Ausstellung sind es die Bilder des unerbittlich harten Lebens, die den Blick bannen. Zumal die Fotografen leidende Menschen nicht selten in Nahaufnahmen zeigen.

„Nur eine solche Fotografie erlaubt uns, die Vergangenheit zu betrachten und die Zukunft vorauszusehen“, kommentieren die Kuratoren An Ge, Hu Wugong und Wu Shao Qiu. „Die Fahne der Menschlichkeit hochhalten“, übertitelt Yan Wendou seinen Katalogbeitrag. Im chinesischen Fortschrittstaumel aus Wirtschaftswachstum und nationalen Geltungszuwachs beginnen die Intellektuellen Chinas mit dem nicht ungefährlichen Projekt der Erinnerungsarbeit Wir sind bei dieser Ausstellung Beobachter, nicht Zielgruppe.

Bis 27. August in Frankfurt. Weitere Stationen: Staatsgalerie Stuttgart, Bayrische Staatsgemäldesammlungen München, Staatliche Museen zu Berlin, Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Der Originalkatalog wird durch ein deutschsprachiges Begleitheft ergänzt (Edition Braus, 35 Euro).


Erstveröffentlichung: Kunstzeitung