Heimspiel ( en )

Informationsdienst KUNST, Nr. 383, 2007-08-09

Die Kunstmesse ShContemporary lädt vom 6. bis zum 9. September ins Shanghai Exhibition Center

„Die ShContemporary ist weder eine chinesische noch eine asiatische Messe – aber eine internationale Messe mit einem besonderen Fokus auf Asien“, heißt es im Pressetext. Verstärkung für die Organisation der Veranstaltungspremiere holten sich Lorenzo Rudolf (ehemaliger Leiter der Art Basel, der Frankfurter Buchmesse und Mitinitiator der Art Basel Miami Beach) und sein Partner Pierre Huber (Genfer Galerist und Sammler) einerseits durch die Firma BolognaFiere spa, die weltweit als Messeausrichter tätig ist, und andererseits aus der Gastgeberstadt, nämlich durch den chinesischen Künstler Zhou Tiehai.

Seit mehr als zehn Jahren ist Pierre Huber regelmäßig in China unterwegs. „Ich will westliche Sammler nach Schanghai bringen, damit sie die zeitgenössische Kunst in Asien entdecken, und die Sammler von dort mit der westlichen Kunst vertraut machen.“ Das Projekt sei die logische Antwort auf die Nachfrage des Marktes, erklärt Lorenzo Rudolf. Rund 120 Galerien werden ausstellen, in etwa zur Hälfte aus dem asiatisch-pazifischen Raum und Europa bzw. Amerika. Während die Sektion „Best of Discoveries“ Generationen übergreifend Künstler aus Indien, Pakistan, Korea und China zeigt, kontextualisiert „Best of Artists“ herausragende asiatische Positionen mit denen des Westens. Bewertungsmaßstab sei hier aber nicht nur der monetäre Aspekt gewesen, sondern auch der visionäre, und zwar in Bezug auf die historische, moralische als auch ästhetische Aussagekraft einzelner Werke, so Pierre Huber.

Nachgefragt bei einigen deutschsprachigen Galerien, die gen Schanghai aufbrechen werden, zeigt sich durchgängig eine freudige Erwartungshaltung. Ebenfalls Konsens ist die Kritik an dem ungewöhnlich hohen bürokratischen Aufwand für die Anmeldung der Teilnehmer. Bis Ende Juli sollten alle Angaben und Abbildungen zu den auszustellenden Werken eingereicht werden. Schanghai ist bekannt dafür, dass hier striktere Zensurmaßnahmen walten als in der Hauptstadt Peking. Viele Arbeiten seien zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht fertig, so die Galeristin Evelyne Avanthay von Avanthay Contemporary aus Zürich. Ihre Galerie hat sich auf zeitgenössische Kunst, insbesondere aus Asien und dem Mittleren Osten spezialisiert. Die ShContemporary ist für sie demgemäss die optimale Schaltstelle für neue Kontakte. „Am meisten gespannt bin ich auf die neuen asiatischen Sammler. Denn wenn es eine Messe gibt, zu der sie erscheinen werden, dann ist es doch wohl die ShContemporary. Es ist ja sozusagen ein Heimspiel für sie,“ so der Frankfurter Galerist Lothar Albrecht, der bereits seit Anfang 2000 schwerpunktmäßig chinesische Künstler vertritt. Während Albrecht den jungen chinesischen Künstler Liu Ding (geb. 1976) ins Zentrum seiner Messe-Präsentation stellt, entschied sich die Galerie Arndt & Partner (Berlin/Zürich) für die Künstlerin Mathilde ter Heijne und ihr unlängst in China entstandenes Projekt Mosuo Fireplace Goddess. Ter Heijne thematisiert in diesem Projekt eines der letzten noch annähernd intakten Matriarchate. In den Bergen der chinesischen Provinz Yunnan angesiedelt, schreitet die Auflösung dieser Lebensform im Auftrag der chinesischen Regierung unaufhaltsam voran. In Mosuo Fireplace Goddess ist feministische Solidarität bereits als Ost-West-Dialog künstlerisch umgesetzt.

Mit dem gebürtigen Schanghaier Zhou Tiehai (geb. 1966) hat sich das westliche Organisationsteam Huber/Rudolph einen Künstler ins Boot geholt, dessen Werke sich konkret mit den Mechanismen des Kunstmarktes auseinandersetzen. Dies zeigte nicht zuletzt die Retrospektive, die 2006 im Shanghai Art Museum stattfand. Welch krasser Bruch das Schaffen Zhou Tiehais durchzieht, wird unmissverständlich nachgezeichnet. Überlagerten sich in den bis 1996 entstandenen Collagen palimpsestartig Schichten von Zeitungsausschnitten, Zeichnungen, gemalten figuralen Sequenzen und Schrift-Konglomeraten, so taucht im selben Jahr zum ersten mal das sich später als Signatur des Künstlers etablierende Kamel der amerikanischen Zigarettenmarke Camel auf. Bezeichnenderweise heißt ein 1999 entstandenes Bild Hurry Up. Art History Is Not Waiting For You. Die Leinwand von Ober- bis Unterkante ausfüllend, streckt uns das Wüstentier mit menschlichem Körperbau, schwarzem Anzug, weißem Hemd und dunkler Sonnenbrille einladend die Hand entgegen. Die Message kommt an. Ging es den chinesischen Künstlern aus Zhou Tiehais Generation bis dato um die Kunst als Kunst, übernahm Mitte der 1990er Jahre der Kunstmarkt das Regiment.

Nach einer kreativen Auszeit nahm Zhou Tiehai bisher keinen Pinsel oder Stift mehr in die Hand. Die neueren Arbeiten entstehen bis heute am Computer und werden – vom Künstler als solche ausgewiesen – von Assistenten in Airbrush gefertigt. Im Westen ist Zhou Tiehai fast ausschließlich für seine Camel-Serie bekannt, was die intellektuelle Schärfe seines Gesamtwerkes völlig verkennt. Neben den komplexen früheren Arbeiten sind es die seit 2004 entstehenden Bilder, die Themen der traditionellen chinesischen Malerei, aber auch der Alltags- und Filmästhetik aufnehmen. Eine 160 x 200cm große rosa-farbene Lilie z. B. findet sich als letzte Werk-Abbildung im Ausstellungskatalog der Retrospektive. Es folgt ein Foto, das den Künstler zeigt, wie er aus dem Dunkel eines Hausflures ins Tageslicht tritt. Im Chinesischen bedeuten die beiden Schriftzeichen bai („100“) und he („zusammen“) Lilie, was den Wunsch für eine glückliche Zukunft symbolisiert. Dass Zhou Tiehai nun als Mitorganisator einer Kunstmesse auftritt, könnte – auch aus seiner Perspektive – als der Beginn einer Normalisierung des asiatisch-westlichen Kunstbetriebs gedeutet werden. Nicht mehr der westliche Markt bestimmt die asiatische Gegenwartskunst, sondern die asiatische Gegenwartskunst wird zum mitbestimmenden Faktor des Kunstmarktes. Und hier schließt sich der Kreis zum kuratorischen Konzept der ShContemporary. Wir dürfen gespannt sein.


Erstveröffentlichung: Informationsdienst KUNST