Goldfische am Himmel. Die Berliner ifa-Galerie zeigt Pekinger Landschaftsvisionen

Berliner Zeitung, 2008-02-10

Ein Toilettenhäuschen, an dessen Decke Goldfische schwimmen oder die symbolschwangere Gestaltung des Olympiaparks: die Ausstellung grün der zeit in der Berliner Galerie des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) stellt Projekte von Pekinger Architekten vor. Auch in der Landschaftsplanung hat die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen Einzug gehalten, dass wird hier deutlich. So lassen unabhängige Büros souverän östliche und westliche Gestaltungselemente zusammenfließen. Im Auftrag der Regierung überwiegt nicht selten ein all zu offensichtlicher Traditionalismus. Dass Tradition auch als kreatives Potential zu denken ist, zeigen die Künstler Liu Wei und Cindy Ng Sio Ieng.

Es gibt wenig Gründe dafür eine öffentliche Toilette länger als nötig aufzusuchen. Wang Hui vom Pekinger Architekturbüro Mima Design Workshop änderte diesen Tatbestand 2003: Goldfische schwimmen an der Decke, Tageslicht fällt durch das schwebende Aquarium. Wer vom Garten des Mima-Cafés aus den spiegelnden Kubus betritt, befindet sich in einer Unterwasserwelt – und das unweit des ohrenbetäubenden Lärms der mehrspurigen 5. Ringstraße im Nordwesten der chinesischen Hauptstadt! Als Wang die maroden Schuppen in unmittelbarer Nähe zum Alten Sommerpalast entdeckte, befand sich auch die einst kaiserliche Gartenanlage in einem traurigen Zustand. Die Seen verödeten ob des eklatanten Wassermangels in Peking und die abblätternde Farbe an Spielgeräten, Tretbooten und Imbisspavillons verbreitete eine ruinencharmante Melancholie. Der olympische Perfektionismus hat die gelassene Vergänglichkeit der Dinge hinweggepustet. Das Mima-Café, sein Buchladen und der mit Bambus bewachsene Garten – in dem ein halbes Dutzend Katzen herumstreunen – durften glücklicherweise bleiben. Ein Zeichen des Gesinnungswandels, der mittlerweile auch Chinas Behörden erreicht hat.

Die in der Ausstellung gezeigten Entwürfe, Computersimulationen, Fotos und kommentierenden Texte vermitteln Einblicke in zeitgeistige und oftmals mit begrenzten Mitteln umgesetzte Ideen junger Pekinger Architekturbüros. Da wird der Campus der Shenyanger Universität (Schwerpunkt Agrarwissenschaften) zur Reisanbaufläche, die die Studenten selbst bewirtschaften. Ein Wegesystem mit Ruhezonen inmitten der Felder schafft Oasencharakter. Auch der sich auf 20ha Uferfläche entlangschlängelnde Garten des Roten Bandes (2006) in der Provinz Hebei ist ein Wahrzeichen eines Lebensgefühls, das im Alten China nur den Mächtigen und Gelehrten zukam, in der Kulturrevolution freilich niemandem mehr, nämlich Muße.

„Dorf, Fabrik und Lagerhallen wurden umgesiedelt, die meisten Wald- und Wasserflächen, ein Teil der Villen und die Baudenkmäler wurden erhalten“, heißt es in der Stellungnahme des Architektenteams, das den 6,8 Quadratkilometer großen Olympischen Waldpark (2006) entworfen hat. Jedoch kein Wort über die Konsequenzen für die Dorfbewohner und die Fabrikarbeiter. Nationaltümelnd verweist die zentrale Parkachse auf „5000 Jahre chinesischer Kulturgeschichte“; der Flusslauf der „grünen Lunge Pekings“ ergebe die Form eines Drachen.

In der Gegenwartskunst sind die Grenzen zwischen Tradition und Moderne, Osten und Westen bereits aufgehoben. Bergformationen aus nackten Körpern spielen mehr als deutlich mit der Assoziation der klassischen chinesischen Landschaftsmalerei. Allerdings fordert der Künstler Liu Wei (Jahrgang 1972) mit seiner inszenierten Fotoserie It Looks Like a Landscape (2004), dass im 21. Jahrhundert nicht mehr die Größe der Natur den Menschen dominiert, sondern dass ihm ein Recht auf Körperlichkeit zukommt. Cindy Ng Sio Ieng (Jahrgang 1965) gießt in einer Live-Performance Sojasoße auf eine weiße Fläche, die folgende Milch verdrängt die dunkle Flüssigkeit, Mineralwasser wirft Blasen auf. In anderen Flaschen befinden sich Acrylfarben. Das Video dieser Aktion wird begleitet von Klängen einer chinesischen Harfe. Landschaft? Eine Revolutionierung der Tuschemalerei? „Revolution vielleicht“, erwidert die Künstlerin lächelnd, „aber wenn, dann eine sanfte, ohne Provokation.“


Erstveröffentlichung: Berliner Zeitung

ifa

Cindy Ng Sio Ieng