Qiu Zhijie | Freitod in monumentalem Nebel

Berliner Zeitung, 2009-12-15

Götzendämmerung im Haus der Kulturen der Welt: der Installationskünstler Qiu Zhijie über die Selbstmorde auf der Nanjinger Yangzi Brücke

„Ein Suizid vor aller Augen ist ein demonstrativer Akt, pädagogisch selbst im Untergang“, schreibt Herman Burger in seinem 1988 veröffentlichten Tractatus Logico-Suicidalis. Der in Peking und Hangzhou lebende Künstler Qiu Zhijie (geb. 1969) betreibt seine Suizidologie nicht literarisch abstrakt, sondern richtet den Blick konkret auf eines der ruhmreichsten Monumente Chinas, die Nanjinger Yangzi Brücke. 1968 im Auftrage Mao Zedong ohne ausländische Hilfe als Symbol chinesischer Größe und Unabhängigkeit gebaut, fand die knapp sieben Kilometer lange Doppeldeckerbrücke den Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde. Weniger ruhmreich: bis heute sprangen mehr als 2000 Menschen von diesem architektonischen Ehrenmal in den Tod.

Wer waren die glücklichsten Menschen auf der Welt?

2007 startete der in der chinesischen Kunstszene etablierte, im Westen aber nahezu unbekannte Qiu Zhijie seine Recherchen zur Geschichte der Nanjinger Yangzi Brücke und legte ein Archiv mit Gegenständen und Dokumenten an, die das Bild der Brücke tragen. Ein vom Künstler und seinem Team gegründetes Therapiezentrum ist Anlaufstelle für die, die aus dem Wasser des Yangzi gegen ihren Willen ins Leben zurückgeholt wurden, aber auch für die Hinterbliebenen von Selbstmördern. Der Ausstellungstitel Götzendämmerung /Twilight of the Idols lässt ahnen, dass die multimediale Rauminstallation im Haus der Kulturen der Welt das Thema ‚Monumentalität und Niedergang’ nicht als rein chinesisches Phänomen beleuchtet.

In Gips gegossene Frauen- und Männerschuhe balancieren auf einem Seil – falsch, sie stehen auf Stahlschwüngen, die an einem Seil hängen. Die Stahlschwünge wiederum tragen Betonsockel-Attrappen. Schon bei dieser den Ausstellungsraum dominierenden Installation bringt Qiu Zhijie die Sicherheit des ersten Blicks ins Wanken. Auch der Werktitel Wer waren die glücklichsten Menschen auf der Welt? bleibt eine schnelle Antwort schuldig.

Zwei Wochen haben der Künstler und sein Team die Ausstellung aufgebaut. Für die Bodeninstallation Ma Yuan nach der Revolution – Wellenbewegungen und das stillgestellte Schattenspiel Diploma Nr. 4 stöberten Sie in Berliner Antiquariaten und Trödelläden. Entstanden ist ein globales Referenzgefüge, in dem die Monument-Schatten von z. B. Friedrich II oder der Quadriga mit dem Nanjinger Brückenmassiv in Bezug gesetzt werden. „Was zählt sind die Sockel“, erzählt der Künstler, „weniger wichtig ist das, was darauf steht.“ Die Götzen würden von Zeit zu Zeit wechseln, fährt er fort, das Bedürfnis jemanden zu verehren, würde hingegen bleiben.

Der Klang fallender Kleider

Als Qiu zum ersten Mal an der Nanjing Yangzi Brücke stand, wäre er überrascht gewesen, wie wenig machtvoll sie wirkt: „Wie eine massige Ruine kam sie mir vor, verstummt, nicht länger architektonischer Bedeutungsträger.“ Auf die Frage, warum die Menschen gerade dort sterben wollen, antwortet er: „Die Brücke liegt sehr oft im Nebel, wie auch die Golden Gate Bridge in San Francisco. Nebel zieht potentielle Selbstmörder nach eigenen Aussagen an. Und dann verleiht ein so renommierter Ort dem eigenen Tod eine gewisse Erhabenheit.“

Eine Uhr nähert sich vom Jahr 5000 der Gegenwart. Spiegel-Krähen werfen Lichtschatten. Ein Fahnenmast ist umgestürzt, wodurch die Bienenstöcke im ehemals tragenden Sockel sichtbar werden. Als Relikt der Eröffnungsperformance hängen Kleidungsstücke auf einer Leine, andere liegen am Boden und sind Teil einer Installation aus Notenbüchern, Arbeitshandschuhen, Wasserschüsseln und mehrsprachigen Parolen in Form von Pappbuchstaben. Hinter einer Leinwand arrangiert und angestrahlt ergeben die nutzlos gewordenen Dinge das stillgestellte Schattenspiel der Nanjinger Brücke. Eine Videodokumentation reproduziert die dissonanten Klänge, die die fallenden Gegenstände erzeugten. Qiu Zhijie verrät die Geschichten der Menschen nicht, denen das Leben zur unerträglichen Last wurde, die Klänge und insbesondere ihr Verstummen lassen sie dennoch anwesend sein.


Erstveröffentlichung: Berliner Zeitung

Ausstellung Götzendämmerung / Twilight of the Idols im Haus der Kulturen

Website von Qiu Zhijie

Informationen zu Qiu Zhijie in der Künstler-Datenbank „Culturebase“ (HdKdW)