Fremde Wirklichkeit
Carol Lus „People’s Park“ auf der ARCO 2007

artnet 2007-02-15

China als Grauzone. Das Arco-Projekt der chinesischen Kunstkritikerin und Kuratorin Carol (Yinghua) Lu (geb. 1977) dynamisiert den Blick auf die Kunstszene ihres Heimatlandes gleich in mehrfacher Hinsicht. People’s Park ‑ Truth Is Stranger Than Fiction betitelt sie ihre Schau, die Werke von sechs chinesischen Künstlern aus verschiedenen Galerien zeigt.

Mag der Name des international bekannten Künstlers, Kurators, Kritikers und Architekten Ai Weiwei die Erwartung aufkommen lassen, wir bekämen hier ausschließlich bereits etablierte Positionen zu sehen, so haben wir die junge, doch bereits vielseitig im Kunstbetrieb aktive Carol Lu falsch eingeschätzt. Mit ihrer Auswahl an Künstlerinnen und Künstlern enttäuscht sie jene, die ein plakatives Exotikum à la „moderner Chinoiserie“ erwarten und erfrischt mit einer Werk-Mixtur, die von einem materialästhetisch faszinierenden und thematisch vielschichtigen Wurf des Altmeisters Ai Weiwei (geb. 1957) bis zu den minimalistischen, andeutenden Arbeiten Liu Dings (geb. 1976) und Chen Shaoxiongs (geb. 1962) reicht.

„People’s Park is a very unique public institution in China. It’s both, a physical space and a mental space. There is at least a People’s Park in every chinese city”, beginnt Carol Lu einen ihrer Essays, die das Projekt erläutern. Sie nennt diese chinaspezifische Form der Erholung und Ertüchtigung im öffentlichen Raum, „a grey space in China“. Inwiefern die Parks ein Analogon zu den auf der Arco gezeigten Kunstwerken darstellen, wird in den atmosphärisch dichten Texten allerdings nur andeutungsweise ersichtlich. Dies ist mitnichten einem Manko an Präzision zuzuschreiben, sondern entspricht vielmehr auf sprachlich-abstrakter Ebene dem, was die formal-ästhetische Qualität der gezeigten Arbeiten ausmacht. Trotz aller Verschiedenheit des künstlerischen Ausdrucks – die mediale Spanne umfasst Installation, Skulptur, Zeichnung und Malerei – verweigern die Werke plakativen Event-Charakter. Und so wenig sich dem nicht eingeweihten Chinareisenden die soziokulturelle Funktion der „People’s Parks“ unmittelbar erschließt, so wenig eröffnet sich dem nicht-chinesichen Betrachter von zum Beispiel Ai Weiweis Kippe (2006) oder Liu Dings Uncertain Metaphor (2006) die Vielfalt der dahinter liegenden Bedeutungsebenen ohne eine gewisse intellektuelle Anstrengung.

Den eindeutigsten Bezug zum Projekttitel hat die in Tusche gemalte Skyline Chen Shaoxiongs. Durch die Kombination von traditioneller Technik und inhaltlicher Aktualität wird die Kluft zwischen dem alten, auf sich selbst bezogenen China und dem Megastadt-Kapitalismus Pekings, Shanghais oder Hongkongs visualisiert. Gleichzeitig treten uns die scheinbaren Gegensätze in ihrer neuen Zwangsehe vor Augen. Hong Hao (geb. 1965) and Yan Lei (geb. 1965) verweisen mit ihrer Adaption von van Goghs Schlafsaal im Hospital in Arles auf die große Bewunderung des westlichen Idols seitens der chinesischen Künstler. „Malen wie van Gogh“, lautet eine feststehende Redewendung in China, in der sich sowohl die bis zur Selbstzerstörung reichende Hingabe an das eigene Kunstschaffen als auch die Hoffnung auf Nachruhm spiegeln.

Liu Dings offensichtlich kunstlos mit Nagellack auf die Leinwand gemalte Baumwipfel verkünden pamphletartig den Tod der höchsten traditionellen Kunstgattung, der chinesischen Landschaftsmalerei. Für seine Generation kann die immer noch an den Akademien gelehrte, teuer gehandelte und von den älteren Chinesen leidenschaftlich verehrte „Berge-Wasser-Idylle“ bestenfalls als produktiv gewendeter Kitsch-Faktor von Bedeutung sein, wie seine frühere Arbeit Products. Samples from the Transition (2005) deutlich macht.

Eindeutiges Highlight der Ausstellung ist Ai Weiweis Installation Kippe. Im Sinne eines „insisted ready-made“ (Marcel Duchamp) ließ der Künstler den Schwungraum eines ausrangierten Barrens mit kleinen Stücken aus Eisenholz anfüllen. Einzelne Holzteile sind kunstvoll geschnitzte Ornamente: „The fragmented pieces of ironwood (lignum vitae) were once part of large architectual elements of temples from Qing Dynasty (1644-1911), situated in the South of China and recently dismantled by govermental approval in order to faciliate real estate developement“ (Pressetext von Nataline Colonnello). Der historische Rückraum der Arbeit wäre damit also abgesteckt. Schränken hier die Überreste traditioneller Bauten den Entfaltungsfreiraum im gegenwärtigen China ein? Oder ist es gerade der konstruktive Umgang der chinesischen Gegenwartskunst mit den Relikten der Geschichte, der hier anvisiert wird? Die gewalttätigen Akte der Tempelzerstörung im kulturrevolutionären China und die von außen auferlegte Traditionsverpflichtung werden in Kippe nicht als Widerspruch, sondern als die zwei Seiten einer Medaille markiert. Macht man jetzt noch den Sprung zu den rot-blau-gelben Turngeräten, die Chinas Parkanlagen seit einiger Zeit zunehmend dominieren – und bei Wind und Wetter vom Frühsport bis zum abendlichen Entspannungstraining reich bevölkert sind –, dann wird der temporäre Dreischritt dieser Arbeit evident: das historische China der Qing Dynasty, die Zerstörung von Kulturgütern während der Kulturrevolution und die gegenwärtige chinesische Alltagswelt.

„People’s Parks are a distraction from, an abstraction of and a reflection on a society in fast forward”, heißt es – jede eindeutige Festlegung des Phänomens ablehnend – bei Carol Lu. Worin das Spezifische dieser Plätze für die einfache chinesische Stadtbevölkerung liegt, ist nicht in ein paar Schlagworten zu fassen; wie rasant sich die Struktur dieser Begegnungsorte momentan verändert, erst recht nicht. Die hier ausgetauschten Freuden und Leiden sind Spiegel der allumfassenden gesellschaftlichen Umwälzungen in China. Auch die einfache Kategorisierung der Parks als Freiräume wäre zu eindimensional, denn immerhin handelt es sich um öffentliche Einrichtungen. Gesellige Privatsphäre, gar Intimität, und die Möglichkeit der behördlichen Kontrolle sind gleichzeitig zu denken.

Carol Lu ist eine genaue Beobachterin. Sicherlich haben ihre Auslandserfahrungen den kritischen Blick auf die eigene Umgebung geschärft. Ihre Texte, Vorträge und kuratorischen Konzepte zeugen von einer verhaltenen Skepsis gegenüber den Entwicklungen in China und speziell der chinesischen Kunstszene. Durch ihre Mitarbeit beim Asia Art Archive in Hongkong, die Gründung der Kunst-Agentur Pink Studios und ihre kunstkritischen und kuratorischen Interventionen gehört Carol Lu zu den jüngsten Mitgestaltern der chinesischen Kunstszene.

Über die qualitativen Schwankungen unter den gezeigten Arbeiten lässt sich diskutieren, jedoch offenbart „People’s Park“ deutlich eine Trendwende in der chinesischen Gegenwartskunst, die neugierig macht, auf das, was kommt. In diesem Sinne konstatierte unlängst Zhang Xin, die junge Leiterin des erfolgreichen chinesischen Immobilienunternehmens „Soho“: „Wir brauchen etwas Neues. Wir können nicht zum Konfuzianismus zurückgehen, wir können nicht zum Taoismus zurückgehen, wir können nicht zum Buddhismus zurückgehen. Wenn man entwurzelt und umgepflanzt wurde, weiß man, dass die Energie dort nicht mehr zu finden ist. Ich sehe überall eine Suche nach neuen Werten, die weder im traditionellen China noch im kommunistischen China zu finden sind. Die sind alle tot.“ (1)


1 Mark Siemons: Jede Vorschrift zerstört die Vorstellungskraft, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2. Februar 2007.