Fokus: Menschlichkeit

taz 2006-06-07

Am Wochenende eröffnete die Foto-Ausstellung Humanism in China im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK)

Ein älterer Mann in verschmutzter Arbeitskleidung sitzt sichtlich zufrieden in der kargen Berglandschaft der südchinesischen Provinz Yunnan. Nicht er wirkt befremdlich, sondern die grell-bunten Sofas, die vom Stil her den westlichen 70er Jahren entsprungen sein könnten. Der Untertitel dieses Bildes lautet: „Ein Bergbewohner hat in der Stadt Polstermöbel gekauft und wartet auf die Dorfbewohner, die beim Transport nach Hause helfen.“ Ebenfalls im Rahmen des Themenbereichs „Zeit“ zeigt die Ausstellung Bilder aus ländlichen Krankenhäusern, die uns das Fürchten lehren. Schmutz und der grundsätzliche Mangel an dem Allernotwendigsten beschämen den Blick. Eine Infusionsflasche hängt an einem Garderobenständer und die Gesichter der Frauen, die um das Leben ihrer Kinder bangen, lassen wenig Hoffnung. Einer anderen Frau schauen wir zu, wie sie bedächtig ihr langes Haar kämmt. Im Titel erfahren wir, dass auf sie die Todesstrafe wartet. Die Ausstellung Humanism in China zeigt 590-mal: das Leben in China von der Gründung der Volksrepublik bis ins Jahr 2003.

Den westlichen Betrachter hatten die drei chinesischen Kuratoren An Ge, Hu Wugong und Wu Shao Qiu nicht im Sinn, als sie die Fotoarbeiten für die Ausstellung zusammenstellten. Dem Publikum im eigenen Land wollte man mit den Dokumentarfotografien von 250 Fotografen die Entwicklungen der letzten 50 Jahre vor Augen führen. Über mehrere Jahre hinweg waren sie durchs Land gereist und hatten in Archiven und Privathaushalten mehr als hunderttausend Negative gesammelt. „Erinnerungen hervorholen, Geschichte betrachten, Wahrheit aufzeigen“, mit diesen Worten wird im Katalog die Bedeutung der Ausstellung „für die heutige Kultur Chinas“ zusammengefaßt. Die Ausstellungsmacher präsentierten die Fotos in Guangzhou, Peking und Schanghai, wo durch Zufall eine Gruppe von fünf deutschen Museumsdirektoren zu den Besuchern zählten – unter ihnen Udo Kittelmann vom MMK. Beeindruckt von der kritischen Perspektive der Kuratoren auf ihr eigenes Land, fragte man bei den chinesischen Kollegen an, ob sie sich vorstellen könnten Humanism in China auch in Deutschland zu zeigen, und zwar genau so, wie sie in China zu sehen war.

Auf den fünf Stationen der Ausstellung – Frankfurt, Stuttgart, München, Berlin Dresden – sind die deutschen Besucher quasi Gäste einer Veranstaltung, die im eigentlichen Sinne nicht für sie konzipiert wurde. Unangetastet blieb auch der umfassende Katalog zur Ausstellung, in dem, abgesehen von den englischsprachigen Titeln und kurzen Zusammenfassungen, alle Beiträge auf Chinesisch sind. Ein deutschsprachiges Begleitheft schafft hier zwar Abhilfe, Mißverständnisse sind aber nichts desto trotz vorprogrammiert. Während z. B. mit dem Begriff „Humanität“ im Sinne der Kuratoren schlicht gemeint ist, „der Mensch steht im Mittelpunkt der Betrachtung“, denkt der Bildungsbürger in der Tradition der europäischen Aufklärung gleich die westliche Begriffsgeschichte mit, die ihn zwangsläufig skeptisch werden läßt. Was soll das sein, ein „humanistisches China“? Genauso unbedarft ist die Rede von „Authentizität“ und „Wahrheit“.

Der Frankfurter Galerist Lothar Albrecht, den sein Zweitstandort in Peking und die Zusammenarbeit mit seinen chinesischen Partnern und Künstlern seit 1995 zwischen den Kulturen pendeln lassen, findet nicht so recht zu einer Haltung, nachdem er sich die Fotos angeschaut hat. „Die Ausstellung macht mich sehr nachdenklich. Nicht, was ich sehe, ist das Problem – ich habe absolute Hochachtung vor der Leistung der Kuratoren und für China ist das ein ganz wichtiges Projekt. Was passiert aber mit diesen Fotos, wenn sie aus ihrem ursprünglichen Kontext herausgelöst gezeigt werden? Eigentlich gehören sie nach China oder zumindest in ein historisches Museum. Hier geht es doch um den historisierenden Blick auf China, nicht um Kunst.“

Was die Kunst von der Dokumentarfotografie abgrenzt, wird in mehreren Katalogbeiträgen eigens thematisiert. Traumatisiert durch die Bildpropaganda der Kulturrevolution, in der auch die Pressefotos je nach Stimmungslage von Personen ‚befreit’ und durch andere Hintergrundkulissen ‚bereichert’ wurden, ist das Bedürfnis, die Kamera im Dienste eines Alltagsrealismus einzusetzen, nur zu gut nachzuvollziehen. Auch lag die „Definitionsmacht“ zur Dokumentation zunächst aus rein finanziellen Gründen – erst in den späten 1980er Jahren konnten sich einige Chinesen eine Kamera leisten – bei den „Westlern“. Nun sei es an der Zeit, heißt es im Katalog, dass die Geschichte Chinas in China, und zwar von Chinesen geschrieben würde. Und diese Geschichte soll auch denjenigen einen würdigen Platz einräumen, die nicht oder noch nicht am rasanten Aufschwung des Landes partizipiert haben.