Flugtraining auf dem Bügelbrett

Tip Berlin, Nr. 20/2009

Die Burger Collection startet die Quadrilogie Conflicting Tales in Berlin

Menschen mit einem Tick ziehen in den Bann. Sie folgen nicht den Gesetzen der Alltagsökonomie. Wenn uns der in Berlin lebende Julian Rosefeldt in seiner Filminstallation Der Perfektionist (2005) einen Menschen ans Herz legt, der mit besorgniserregender Akribie einen Fallschirmsprung simuliert, so trieb den Künstler vielleicht genau jene Faszination an, die nun auf den Betrachter überspringt: kaum jemand verlässt den Raum, während der immerhin 25-minütigen Vorführung.

Gezeigt wird die Dreikanal-Filminstallation im Rahmen einer vierteiligen Ausstellungsreihe, die unter dem Titel Conflicting Tales: Subjektivität in Berlin startet und danach in Hongkong, Mumbai und Brüssel – jeweils neu kuratiert – fortgesetzt wird. Inszeniert hat die ‚Widerstreitende Geschichten’ der Schweizer Kurator Daniel Kurjaković in Zusammenarbeit mit Monique Burger, die damit zum ersten Mal stichprobenartige Einblicke gewährt in ihre rund 1000 Werke umfassende Sammlung europäisch-amerikanischer und asiatischer Künstler. Gezeigt werden knapp 80 Arbeiten von 35 Künstlern. Über den Weg von Rosefeldts Perfektionisten in ihre Sammlung sagt sie: „Mich hat an dem Film begeistert, dass der Protagonist nie aufgibt und keine Angst vor dem Scheitern hat. Gewissermaßen glaubt diese Arbeit an den Außenseiter in uns allen.“ Durch die Sammlung fließt Herzblut, das wird spürbar, wenn Monique Burger über Kunst und Künstler spricht.

Aus ihrer Begeisterung für Berlin macht die geborene Schweizerin Monique Burger kein Geheimnis. „Die Schweizer zieht es nach Berlin – schon immer“, erzählt sie und schickt erklärend den Vergleich mit der Hongkonger Kunstszene nach: beide seien zu eng. 2005 siedelte sie mit ihrer Familie in die chinesische Sonderverwaltungszone Hongkong um, was sich deutlich auf die seit dem angekauften Arbeiten niederschlägt. Fast 50 chinesische Künstler sind dazugekommen. Reisen nach Indien haben mit Künstlern wie Jaishri Abichandani und Bharti Kher ebenfalls ihre Spuren hinterlassen. Ein Höhepunkt der Conflicting Tales ist der im letzten Jahr entstandene 42-teilige Werkzyklus Listening to the Shades von Nalini Malani. Auf einer königsblauen Wand und im Zusammenspiel mit den eindeutig politisch konnotierten Vasenmalereien des Engländers Grayson Perry präsentiert, kommt der Wunsch nach einer Sitzgelegenheit auf. Die kleinteiligen Malereien in lasierender Traumästhetik brauchen Zeit, fordern sie sogar. Die blaue Wand zieht farbpsychologisch wirksam in die Tiefe. „Zunächst besaß ich einige kleinere Arbeiten von Nalini Malani“, blickt Monique Burger zurück. „Als die Künstlerin überlegte den Zyklus „Listening to the Shades“ in Teilen zu verkaufen, habe ich reagiert. Ich wollte nicht, dass er auseinadergerissen wird. Und dann fasziniert mich die Künstlerin selbst, die zunächst als Pathologin arbeitete.“ „Das Blau der Wände ist eine Vorgabe der Künstlerin“, ergänzt Kurator Kurjaković. „Es lädt den Zyklus auratisch auf.“ Ein Bilderreigen entsteht, in dem Kriegsszenarien, imaginierte Wesen und Innenansichten des menschlichen Körpers durcheinadergewirbelt werden.

Als Hommage an Berlin gab Monique Burger zwei Arbeiten im öffentlichen Raum in Auftrag. So finden sich die in Bronze gegossenen Spuren des Schlafs von dem Berliner Künstler Fiete Stolte im Durchgang zum Ausstellungsgebäude an der Zimmerstraße 90/91. Vittorio Santoros Neon-Arbeit Monologism as Poetry auf der Brandmauer Zimmerstaße 88/89 definiert den Erinnerungsraum Checkpoint Charly neu. In Blicknähe zu den nüchternen Informationstafeln, die die Geschichte des Ortes rekapitulieren und täglich von Touristenscharen gelesen werden, leuchtet nun ein poetischer Freiraum auf. „SQUEAKING CHALK ON A BLACKBOARD – AS POETRY”, heißt es da beispielsweise. Wem erscheinen da nicht Bilder aus der eigenen Schulzeit vor dem inneren Auge. Erinnerung wird hier nicht anonym ausgelagert, sondern zur individuellen Ressource.

Conflicting Tales: Subjektivität lautet der vollständige Titel der Ausstellung. Der nachgeschobene und philosophisch durch Jahrhunderte diskutierte Terminus ‚Subjektivität’ kommt etwas stolpernd daher, irritiert eher, als dass er neugierig macht. Der Katalog und das Rahmenprogramm verdeutlichen, worum es der Sammlerin und dem Kurator dabei geht: Künstlergespräche, die Zusammenarbeit mit Studenten und Absolventen der FU Berlin und der UdK, ein Roundtable zu kunsttheoretischen Fragen und ein Workshop sollen die Ausstellung zu einer kommunikativen Plattform machen. Ob es dafür des schwergängigen Fingerzeigs eines Doppeltitels wirklich bedurfte, sei dahingestellt.


Erstveröffentlichung: Tip Berlin

Conflicting Tales

Nadine Dinter