Der süßliche Duft des Materialismus

Informationsdienst Kunst Nr. 411, 2008-9

Die zweite Runde der ShContemporary ließ gute Kunst entdecken, nur Chinas junge Künstler blieben nahezu unaufgespürt

Auf dem repräsentativen Vorplatz des Shanghai Exhibition Centers – einst ein Geschenk von Stalin an Mao Zedong im verspielten Zuckerbäckerstil – dröhnten die Ölpumpen des Pekinger Künstlers Shen Shaomin (geb. 1956). Mit nicht weniger Schlagkraft, allerdings ohne jeden interpretatorischen Freiraum, begrüßten den Messebesucher in der Ausstellungshalle der kuratierten Schau Best of Discovery drei überdimensionierte, leuchtende Damenslips (Wang Zhiyuan, geb. 1958) und ein Mega-Schwein aus Fiberglas, umzingelt von unzähligen Artgenossen minderer Körpermasse. Bei der Installation God of Materialism von Chen Wenling (geb. 1969) amüsierte freilich ein Detail: der regelmäßig mit einem Parfumflakon erneuerte süßlich-klebrige Duft der Schweinerei drang respektlos auch in die Wirkungssphäre der umliegenden Kunstwerke.

Wer zwischen dem 8. und dem 13. September nicht nur die ShContemporary besuchte, sondern auch die mit einem Shuttle-Service angebundene Shanghai Art Fair, wusste, was Lorenzo Rudolf zusammen mit seinem „Strategic Bord“ aus Persönlichkeiten der asiatischen Kunstszene geleistet hat: Organisatorisch wie ausstellungsästhetisch herrschten im Shanghai Exhibition Center internationale Standards. Wie im ersten Jahr war die Anziehungskraft auf renommierte Galerien groß.

Einige Galeriepräsentationen beeindruckten auch diesmal wieder durch intelligente Ost-West-Korrespondenzen. So zeigte die Galerie Karsten Greve (Paris/Köln) in stilsicherer Eleganz die monochromen Arbeiten Lucio Fontanas und Piero Manzonis zusammen mit einer chinesischen Spielart der Abstraktion von Ding Yi (geb. 1962). Hamish Morrison (Berlin) musste chinesischen Besuchern immer wieder erklären, dass es sich bei den metallisch-glänzenden Pinselschwüngen in Tuscheästhetik des Amerikaners Max Gimblett nicht um die Arbeit eines Landsmannes handelt. Diese Vermutung wurde durch eine Kalligrafie-Verfremdung des chinesischen Klassikers Xu Bing (geb. 1955) provoziert, die in der gleichen Blickachse hing.

Wer allerdings in der Hoffnung nach Shanghai gekommen war, neue chinesische Positionen zu entdecken, wurde nur selten fündig. Vielmehr setzten die meisten chinesischen wie auch westlichen Galerien eher auf den Wiedererkennungswert der Auktionshighlights oder zumindest in Kennerkreisen bereits bekannte Positionen.

Ein internationales 12-köpfiges Kuratorenteam machte die Sektion Best of Discovery zu einer Expedition durch verschiedene Länder Asiens, führte aber auch nach Neuseeland und Australien. Hier hatte Lorenzo Rudolf ganze Arbeit geleistet und eine geballte Ladung Kompetenz walten lassen. Aprilwetterartig wechselte nicht nur das Medium (von Film über Installation, Skulptur zu Malerei), sondern auch die Pulsfrequenz, mit der die Künstler agierten: Mit hypnotisch starrendem Blick fixiert die in Berlin lebende Taiwanesin Effie Wu (geb. 1973) in ihrem Video Super Smile den Betrachter. Die in Öl auf Baumwolle gemalten Mädchenträume der Japanerin Sakae Ozawa (geb. 1980) verströmten eine poetische Aura, während Sophia Tabatadze (geb. 1977) aus Georgien eine Tapete zur Halluzination werden ließ. Dramatisch mit Musik unterlegt, führte das Video Summer Camp des Israeli Yael Bartana (geb. 1970) ins zerstörte Palästina.

Die angeschlagene Tonart der geladenen Kuratoren aus China, Taiwan und dem Ausland fiel zu Ungunsten des Gastgeberlandes aus und bestärkte den ohnehin oftmals gegen die chinesische Gegenwartskunst ins Feld geführten Vorwurf des Plakativen. Bei den vielen von der Messekonzeption erfüllten Wünschen bleiben demnach noch zwei auf der Wunschliste fürs nächste Jahr stehen: Erstens weniger schrille Stimmen aus China und zweitens mehr Einblicke in die junge chinesische Kunstszene.


Erstveröffentlichung: Informationsdienst KUNST

ShContemporary