Wir wollen kein Ufo sein

Berliner Zeitung , 2009-09-01

Eine Schweizerin, die in Hongkong lebt und Berlin wählt, um erstmalig Werke aus ihrer Sammlung zu zeigen: ein Gespräch mit Monique Burger und dem Kurator Daniel Kurjaković

Es gibt sie noch, die Sammler und Sammlerinnen, die von der Liebe zur Kunst schwärmen und jegliches Krisengejammer vergessen lassen. Sperrige Formate, aufwendige Installationen; die Schweizer Sammlerin Monique Burger sagt über sich: „Ich höre auf mein Herz und vertraue meinen Augen, wenn ich Kunst kaufe. Und nicht jedes gute Werk ist quadratisch und leicht an die Wand zu bringen.“ Eine vierteilige Ausstellungsreihe gewährt nun zum ersten Mal Einblicke in die rund 1000 Arbeiten umfassende Sammlung europäisch-amerikanischer und asiatischer Kunst. Mit einer „carte blanche“, wie Monique Burger es nennt, überließ sie dem Kurator Daniel Kurjaković die Auswahl der ab dem 4. September in den ehemaligen Räumen der Galerie Arndt & Partner ausgestellten künstlerischen Statements. Das Motto der hiermit startenden Quadrilogie, Conflicting Tales: Subjektivität, deutet bereits an, dass es Monique Burger nicht um eitlen Personenkult geht.

U. M: Von der Schweiz zog es Sie in die Vereinigten Staaten. Seit 2005 leben Sie mit Ihrer Familie in Hongkong. Ihre Ausstellungsreihe starten Sie nun in der Berliner Zimmerstraße. Was verbindet Sie mit der deutschen Hauptstadt?

M. B.: Die Schweizer zieht es nach Berlin – schon immer – und auch die Hongkonger Kunstszene ist zu eng für die dort lebenden Künstler. Ich bin wirklich gerne in Berlin! Und weil schon die ganze Arbeit der Ausstellungsplanung für mich neu ist, wollte ich mit der Ausstellungsreihe da starten, wo ich mich heimisch fühle, wo ich mich wohl fühle, wo ich selber gerne hinkomme. Die nächsten Stationen sind dann Hongkong Mumbai und Brüssel. Dass es hier die ehemaligen Räume von Matthias Arndt sind, ergab sich zufällig. Ich kenne ihn schon lange und habe auch einige seiner Künstler in meiner Sammlung: so z. B. die Zeichnungen von Douglas Kolk und Mathilde ter Heijne, von der wir drei Arbeiten zeigen werden. Als ich dann hörte, dass er die Räume hier aufgibt, dachte ich: perfekt! Wir haben dann im Vorlauf der Ausstellung Kontakt zu den umliegenden Galerien und mit dem DAAD aufgenommen und wurden herzlich aufgenommen.

D. K: Eine der ersten Fragen, die wir uns stellten, war: wie gehen wir an die Öffentlichkeit? Man kennt das ja, ein Sammler baut ein Museum, stellt die Werke rein und fertig. Wir wollten aber eine Plattform bilden, wollten die Rezeption als Teil des Konzepts, deshalb auch die Zusammenarbeit mit den Absolventen der UdK, die Künstlergespräche, einen Roundtable zu kunsttheoretischen Fragen und einen Workshop. Und wir wollten Privaträume – hier waren ursprünglich Wohnungen –, denn schließlich sind die gezeigten Arbeiten Teil einer Privatsammlung.

U. M.: Zwei Installationen sollen im öffentlichen Raum gezeigt werden, wo?

D. K.: Die zwei speziell für den Ort geschaffenen Außenskulpturen sind einerseits von Fiete Stolte – einem jungen Berliner Künstler. Er lässt eine Installation im Durchgang zum Galeriegebäude in den Boden ein. Vittorio Santoros Neon-Arbeit wird auf der Brandmauer Zimmerstaße 88/89 zu sehen sein. Auch das ist ein Statement der Burger Collection: Arbeiten sollen auf den Ausstellungsort reagieren. Denn: Wir wollen kein Ufo sein, das irgendwo landet. Wir wollen den Dialog mit der Stadt.

U. M.: Was bei der Auswahl der Künstler sofort ins Auge sticht ist, dass mit Zhang Dali nur eine chinesische Position gezeigt wird. Das verwundert schon, wenn man bedenkt, dass Sie, Frau Burger, in Hongkong leben und Werke von fast 50 Künstlern aus China in Ihrer Sammlung haben.

M. B. (lacht): Ja, ja, da haben Sie natürlich Recht. Dazu muss man sagen, Daniel hatte absolut ‚carte blanche’, was die Künstlerauswahl anbetrifft. Er wird aber in der kommenden Zeit vermehrt mit mir durch Asien reisen, was sich sicher auf die folgenden Ausstellungen auswirken wird.

D. K.: Der Schuldige ist hier. Aber ich fand es einfach unseriös, künstlerische Positionen in die erste Ausstellung zu nehmen, zu denen ich noch keinen rechten Zugang habe. Das braucht Zeit. Wir fangen also etwas europäischer an und werden sicher in den drei folgenden Ausstellungen mehr asiatische Positionen dazukommen.

U. M.: Eine Frage zur Zusammenarbeit. Ist es für Sie, Frau Burger, nicht schwierig, z. B. ein Werk in einer Sichtachse mit einer anderen Arbeit zu sehen, die Sie so nicht zusammen gedacht hätten?

M. B.: Überhaupt nicht. Wir diskutieren viel – über jede Position eigentlich. Ich erzähle Daniel von meinen Begegnungen mit den Künstlern. Er hat natürlich eher den Blick des Kunsthistorikers! Und dann geht’s ja auch um die Geschichten, die hier erzählt werden sollen, um die Conflicting Tales.

U. M.: Es sollen also Geschichten angestoßen werden. Haben Sie Ihre ganz persönliche Geschichte, mit der Sie durch die Ausstellung gehen?

D. K: Ja natürlich, und im Katalog werden einige Ansätze skizziert. Es soll aber nicht illustrativ werden.

M. B.: Nicht, dass Besucher Kopfhörer kriegen und es spricht ihnen jemand was vor. Wir sind selbst gespannt, wie die Leute auf die Ausstellung reagieren.

U. M.: Norbert Bisky, Wim Delvoye, Olaf Metzel, Urs Fischer, Sabine Hornig und Bharti Kher; Sie haben einen großen Schwung Klassiker für die Ausstellung gewählt. Wie passt das mit Ihrem Wunsch zusammen, den Kontakt zu Kunststudenten aufzunehmen?

D. K. Es geht uns nicht um Aktualität im engeren Sinne. Bekannte Positionen sollen mit jungen in Bezug gesetzt werden. Fiete Stolte z. B. ist Jahrgang 1979.

U. M. Wie fangen die Conflicting Tales an? Vielleicht starten wir einfach im ersten Raum? Hier liegen schwarze Peitschen am Boden. Gegenüber an der Wand leuchtet weiße Schrift auf schwarzem Grund: Stercoraceous Death, Exhausted Organic Stench – aggressiv, oder?

D.K.: Die Peitschen von Jaishri Abichandani werden in der Form eines Falken an die Wand gebracht. Steven Shearers Texttafeln nehmen Titel, Textausschnitte und Bandnamen aus dem Heavy Metal-Bereich auf. Mich hat dabei die Subkultur-Thematik interessiert, genauer, die Konflikte zwischen Mainstream-Kultur und marginalisierter Kultur. Urs Fischers Skulptur zeigt Körperfragmente – Arme, die zupacken! Der erste Raum ist ein harter Raum. Den Anfang wollte ich hart.

M. B (lacht): Entweder die Leute rennen gleich wieder raus, oder sie machen weiter.


Erstveröffentlichung: Berliner Zeitung

Nadine Dinter

Conflicting Tales