China Kunst Heute

artnet 2007-01-16

Wer versucht, in einigen wenigen Sätzen zu umreißen, was die Qualität und Eigenart der chinesischen Kunstszene jetzt und in diesem Moment ausmacht, muss notgedrungen zu Allgemeinplätzen greifen, verliert sich in Details oder – sehr viel klüger: schweigt.

Es gibt aber noch eine vierte, sehr chinesische Variante, nämlich die Antwort mit einem metaphorisch aufgeladenen Bild. Wenn Waling Boers und Pi Li – zwei professionelle Pendler zwischen der westlichen und chinesischen Kunstszene – ihren Sammelband zum Thema Chinesische Gegenwartskunst „Touching the Stones“ nennen, beschreiten sie damit nicht nur im Titel den vierten Weg.

Die chinesische Öffnungspolitik müsse vorgehen wie jemand, der „einen Fluss überquert, indem er bei jedem Schritt nach den Steinen tastet, die unter der Wasseroberfläche verborgen liegen“, mit diesem Vergleich, hatte sich Deng Xiaoping eines bekannten Sinnspruchs aus der Sichuan-Provinz bedient. Waling Boers und Pi Li legen mit ihrer Zusammenstellung von umfangreichem Bildmaterial, „Critical Clips“ (kunstkritische Äußerungen chinesischer Autoren), „Schlaglichtern“ (10 Beschreibungen von künstlerischen Arbeiten aus den letzten zwei Jahrzehnten), Interviews, Zeitungsartikeln und Essays von China-Kunst-Kennern diese Steine aus. Den Weg der Meinungsbildung überlassen sie dem Leser wohlweißlich selbst. Dass bei vorschnellen Urteilen die Gefahr besteht mindesten bis zum Knöchel im Wasser zu stehen, ist damit bereits angedeutet.

Beide Herausgeber sind keine Galeristen, die von ihnen ins Leben gerufenen Institutionen, nämlich die Universal Studios in Peking und das Büro Friedrich in Berlin, verstehen sich eher als unabhängige Ausstellungs- und Experimentierflächen jenseits von Marktmechanismen. Die Auswahl der vorgestellten Künstler und der gesammelten Stimmen zur Kunst ist dementsprechend disparat. Vom chinesischen Vorwurf der postkolonialen Einflussnahme des Westens auf die Entwicklung der chinesischen Kunst ( Yan Lei ) bis hin zur Enttarnung des Interesses der chinesischen Obrigkeit an der jungen Kunst ihres Landes als ganz und gar wirtschaftlich orientiert ( Mark Siemons ) bietet „Touching the Stones“ kaleidoskopische Einblicke in die mit rasantem Tempo ratternde Maschinerie des chinesischen Kunstbetriebs. Wer sich die Zeit für eine chronologische Lektüre des Bandes nimmt, kann neben fundiertem Wissen über einzelne Kunstprojekte (so z. B. Philip Tinari über Ai Weiwei und Serge Spitzer ) atmosphärisch, d. h. durch das „Wie“ des Schreibens über Kunst erahnen, dass es in der chinesischen Kunstszene durchaus die Utopie gibt, das China von Morgen aktiv mitgestalten zu können.

Touching the Stones. China Kunst Heute Waling Boers in Zusammenarbeit mit Pi Li, in: Jahresring 53, Jahrbuch für moderne Kunst, Hg. Brigitte Oetker. Verlag der Buchhandlung Walter König, Köln 2006. 29,- Euro.

Ulrike Münter

Touching the Stones. Waling Boers in Zusammenarbeit mit Pi Li