Mythos Remake

taz 2007-04-02

Jeder Chinese kennt von Kindesbeinen an den Mythos vom Affenkönig Sun Wukong. Der junge chinesische Künstler Chi Peng nimmt in seiner Digitalfotografie-Serie Journey to the West die Gestalt des listigen Fabelwesens an, um seine Kindheit Revue passieren zu lassen. Noch bis zum 21. April zeigen die Alexander Ochs Galleries Berlin/Beijing diese Reise in chinesische Vorstellungswelten.

Mit Mitte zwanzig hat Chi Peng den Sprung in die internationale Bekanntheit bereits geschafft. Das Studium an der Zentralen Akademie für Bildende Kunst in Peking abgeschlossen, vergleicht er den dortigen Betrieb mit einem Teich quakender Frösche, die sich im Hochsprung üben. Diese Form der Profilierung interessiert Chi Peng nicht. Bei seinen Arbeiten geht es um höchst persönliche Themen wie Gender-Trouble und Homosexualität. Bereits in seinen früheren Bild-Serien tritt er als Ich-Erzähler auf und rennt fluchtartig und zum Klon multipliziert, zunächst durch Peking, später auch durch westliche Städte.

Die zwölf Fotografien umfassende Serie Journey to the West bewertet der Künstler als sein wichtigstes Projekt ‑ auch wenn seine Kollegen in Peking da nicht unbedingt seiner Meinung sind, wie er im Gespräch andeutet. Nicht cool genug? Erst kurz vor der Eröffnung am 23. März sind die teilweise riesigen Formate fertig geworden und man merkte Chi Peng beim Vernissage-Rundgang an, wie nah ihm diese Arbeiten noch sind. „Ich bin kein Wissenschaftler, sondern Künstler. Mir geht es nicht um die historisch überlieferte Reise des Mönchs Xuan Zang im 7. Jhd. n. Chr. Auch der Mythos des Affenkönigs Sun Wukong an sich interessiert mich nicht. Im Zentrum meiner Journey to the West stehen meine Kindheitserinnerungen, und in denen spielt die fantastische Figur des Affenkönig eine wichtige Rolle.“

Die klassische Erzählung vom aufmüpfigen Sun Wukong wurde durch den Schriftsteller Wu Cheng’en bereits im 16. Jahrhundert über die Grenzen Chinas bekannt. Vergleicht man die Reise des Mönchs ‑ detailliert rekonstruiert und 1929 in Romanform veröffentlicht von dem französischen Orientalisten und Kunsthistoriker René Grousset (1885-1952) ‑ so wird das mythenspendende Potential der Aventure schnell deutlich. Handelt es sich bei diesem Gelehrten doch um einen höchst eigenwilligen Kauz, der sowohl das Reiseverbot des Kaisers, lebensgefährliche Strapazen als auch Todesdrohungen von Banditen ignoriert und starrsinnig seinem Reiseziel Indien entgegensteuert. Religiöse Erscheinungen und Träume bestärken ihn in seiner Mission, dem lückenhaften chinesischen Wissen über die Lehren des Buddhismus Abhilfe zu schaffen. In der Figur des Affenkönigs werden diese Charakterzüge des Mönchs in überhöhter und fantastisch gewendeter Form ausgelagert. Als Sühne für sein hybrides Verhalten gegenüber dem Jadekönig wird dem Affen nach 500-jähriger Gefangenschaft unter einem Berg auferlegt, den Mönch Xuan Zang auf seiner Reise zu beizustehen. Mythische Gestalt und historische Person werden zu Weggefährten.

In den 1980er Jahren adaptierte nicht nur eine sehr beliebte chinesische Fernsehserie die Story; auch im Bereich der Manga- und Anime-Spiele fand der Affenkönig eine neue Bühne. In diesen Versionen ist die Tiergestalt, deren Gabe es ist, sich in 72 verschiedene Wesen zu verwandeln, Teil einer nicht immer heilen Kindheit geworden, wie sie Chi Peng in Journey to the West wieder aufleben lässt. „Als Fünfjähriger habe ich die Fernsehserie gesehen“, so Chi Peng. „Alle Kinder liebten den Affenkönig.“ Für das Kostüm seines Alter Ego suchte er nach edel glänzenden Stoffen und ließ sich durch Abbildungen in Büchern und durch Filmversionen inspirieren. In leuchtendem Rot und Gold, mit einem aufwendigen Federkopfschmuck und einer Gesichtsbemalung, die an die Masken der Peking-Oper denken lässt, treffen wir ihn z. B. in eine Ecke gekauert auf seinem ehemaligen Schulhof oder gefangen in einem Knoten von Wolkenkratzern. In zwei Stationen problematisiert Chi Peng direkt die Auseinandersetzung mit seinem Vater. Während der richtige und der falsche Affenkönig alias Chi Peng auf einem verschneiten Hausdach miteinander kämpfen, steht der Vater mit dem Rücken zu den Fantasiegefechten des Sohnes und wirft mit verächtlicher Geste die Seiten eines Buches in die Luft.

Die Zauberkraft des Affenkönigs, sein Wagemut und die Widerstandskraft mit der er seine Abenteuer durchlebt und letztendlich der glückliche Ausgang der Geschichte bilden eine willkommene Parallelwelt innerhalb der von starren Reglementierungen geprägten chinesischen Lebenswirklichkeit. Nach konfuzianischer Vorstellung gilt die provokative Auflehnung gegen die Eltern als Tabu. Im Gespräch betont Chi Peng denn auch auffällig oft die Liebe zu seinen Eltern. Seine Bilder hingegen sprechen eine andere Sprache. Darf Kunst hier erzählen, was verbal unbotmäßig ist?

Bei der Eröffnung führt Chi Peng die Besucher von Bild zu Bild, erklärt Parallelen zwischen dem Mythos und den dargestellten Szenen, erzählt prägende Szenen aus seinem Leben. Kleine Besuchergrüppchen rätseln über die seltsame Mixtur von Statuen auf der Fotoarbeit Buddha. In Bildrollenformat und nahezu 10 Meter lang stehen hier eng an eng Hunderte von Buddhastatuen ‑ vermeintlich – denn es finden sich bei genauerem Hinsehen auch barocke Putti und eine Mao-Statue in dem Figurenmeer. Der immer noch offiziell verehrte Begründer der Volksrepublik reiht sich hinter den drei bekannten Affen ein, die sich Ohren, Augen oder Mund zuhalten. „An wen soll man sich hier wenden?“, erläutert Chi Peng kurz und knapp. Sein Alter Ego des Affenkönigs schwebt in verschwindender Winzigkeit am Horizont der globalen Versammlung von Bedeutungsträgern.

Folkloristischer Kitsch? Naive Bilderzählung? Oder einfach chinesische Kunst, die auf die ästhetischen Sehgewohnheiten des Westens keine Rücksicht nimmt?