Buddha-Bespiegelungen und die Anmut des Nutzlosen ( en )

The Asia Pacific Times. A monthly newspaper from Germany, 2008-04

Das Festival RE ASIA im Berliner Haus der Kulturen der Welt zeigt Asien als Imaginationsraum von Kunst, Film, Tanz und Literatur

Welche Bilder tauchen auf, wenn wir das Stichwort „Asien“ hören? Nein, die Ausstellung und das multimediale Rahmenprogramm des Festivals RE-IMAGINING ASIA (RE ASIA) bedienen sie nicht: die Klischees, Urlaubs- und Terrorvisionen des Westens – fast nicht. Was ist Asien? Eine Frau, deren Angesicht wir nur ahnen können? Ein im Wasser schwebendes Buch, dessen Titel wir nicht kennen? Sicher ist es eine Landschaft, die uns verändert, wenn wir sie durchschreiten.

Das Berliner Haus der Kulturen der Welt an einem Regentag im März, nach zurückliegendem Eröffnungstrubel, ohne Wochenend-Ansturm. Von außen wirkt der geschichtsträchtige, Nachkriegsbau – entstanden als Beitrag Amerikas zur INTERBAU 1957 – trotz seiner gerade abgeschlossenen Grundrenovierung verwaist. Das schmale, grau-pinke Festival-Plakat ist eine sehr zögerliche Willkommensgeste. Einen Adrinalinschub bekommt der Besucher von RE ASIA dann aber unvermittelt nach dem Eintritt ins rondellartige Foyer. Eltern sollten ihre Kinder an die Hand nehmen, Erwachsene müssen dem reflexartigen Wunsch widerstehen, das zu tun, was auch die Kinder wollen: das ausgestellte Sammelsurium der Rauminstallation Waste not anzufassen. Zwei Wochen lang haben der Pekinger Künstler Song Dong (geb. 1966) und seine Mutter Zhao Xiangyuan (geb. 1938) Kiste für Kiste nutzlos gewordener chinesischer Habseligkeiten wie Plastikschüsseln und -tüten, Kleidungsstücke, Spielzeug, Geschirr usw. sortiert und zu einem Stillleben des ‚Alltags von Gestern’ arrangiert. Das Szenario lässt die jüngste Vergangenheit Chinas, die Kulturrevolution, als traumatisierenden Erfahrungsraum der älteren Chinesen sichtbar werden. „Ich erinnere mich, dass meine Mutter, als ich ein Kind war, Stoffabfälle mit nach Hause brachte, um Kleidungsstücke daraus zu nähen“, erzählt Song Dong. „Später hat sie den Stoff und viele andere Sachen aus Angst vor einer möglichen neuen Güterknappheit zu sammeln begonnen.“ Als das traditionelle Hofhaus der Familie der Modernisierung zum Opfer fiel, wurden die angehäuften Dinge zur Last. Die nun tourende Performance erscheint dem Sohn als ein würdiger Umgang mit dem ideell aufgeladenen Erbe. Andächtig schlängeln sich die Besucher durch Inseln von Schuhen, Tellern, Blumentöpfen und Medikamentenbergen. Es gibt sie wohl, die Aura der Dinge.

Shaheen Merali und Wu Hung haben mit RE ASIA eine souveräne, beschwingt stimmende und bar des Exotischen argumentierende Schau kuratiert. Der Besucher wird nicht belehrt, schockiert oder mit Informationen überfrachtet. Es gibt Momente der Kunstbegegnung, die schlicht beglückend sind. So z. B. die Positionen aus Südkorea. Das in einem Aquarium schwimmende Buch von Kibong Rhee gleicht einer poetischen Geste. Eine Wasserpumpe sorgt dafür, dass wir nur für kurze Momente einige Zeilen der aufgeschlagenen Seiten lesen können. „A Cloud of Philosophy Condensed into a Drop of Water“ lautet eine Kapitelüberschrift – und schon wendet sich das Blatt erneut. Die Titelseite bleibt dauerhaft verborgen. Einige Schritte weiter lädt Kim Jongku zum Eintritt in eine Landschaft aus schwarzem Stahlpulver auf weißem Grund. Eine Kamera projiziert die Schemen des Besuchers als integrativen Teil von Hügeln und koreanischen Schriftzeichen an die Wand des White Cube. Hier wird das Werk zur imaginären Reise.

RE ASIA erhöht mit den Techno-Beats des Japaners Ujino Muneteru die Pulsfrequenz, beschämt mit dem zusammengesunken sterbenden Elefanten des Inders Bharti Kher, verärgert mit dem doch recht banalen Ping-Pong-Spiel am Lotusblütenteich des Mexikaners Gabriel Orozco, macht einen kuweitischen Börsenmarkt zur fotogenen Oberfläche (Andreas Gursky, Deutschland), eine Folterszene zum Daumenkino (Parastou Forouhar, Iran) oder bespiegelt eine Buddha-Kopie aus dem nahegelegenen Berliner Ostasiatischen Museum (Michael Joo, USA). RE ASIA ist politisch, wenn wir vor Zhang Dalis als Fälschungen geouteten Zeitungsartikeln aus dem China der Kulturrevolution stehen, lässt erschaudern vor der militärisch erschreckend potenten Unterwelt der Verbotenen Stadt – imaginiert von Shen Shaomin. Und dann sind da die verspielt bis kitschigen Manga-Mädchen der jungen Japanerin Chiho Aoshima! Was ist Asien?

In der ersten Woche nach der Eröffnung luden Shaheen Merali und Wu Hung zu einer Konferenz, auf der u. a. der Kulturtheoretiker und Literaturwissenschaftler Homi K. Bhabha sprach. Im April startet ein Filmprogramm, das auf nicht weniger hohem Niveau die asiatische Kulturlandschaft präsentiert. Angeregt durch das indische Epos Ramayana entwickelte Joachim Schloemer die multimediale Tanzperformance Die Entführung von Sita. Und dann ist da noch das Literaturfestival unter der Leitung des Autors Ilija Trojanow. Es kann wohl kaum ein besseres Resümee für die in RE ASIA präsentierte geballte Ladung asiatischer Kreativität geben, als den Untertitel von Trojanows und Ranjit Hoskotés jüngst erschienenem Buch Kampfabsage: „Kulturen bekämpfen sich nicht – sie fließen ineinander.“ Dass dies nicht zwangsläufig zu nationaler Konturlosigkeit führt, sondern ein durchaus befruchtender und die Wahrnehmung des je Spezifischen einer Kultur schärfender Prozess sein kann, macht RE ASIA erfahrbar.


Programminformationen zum Festival Re-Imagining Asia

Artnet-Homepage von Andreas Schmid

Homepage von Nadine Dinter

Erstveröffentlichung: Asia Pacific Times

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