Making Worlds / Fare Mundi / 制造世界

taz kultur, 2009-5-23/24

Mit seinem Motto für die kommende Venedig Biennale erklärt der Kurator Daniel Birnbaum den Schöpfungsakt als unabgeschlossen

Jeder Länderpavillon: eine Welt für sich. Die in diesem Jahr von Daniel Birnbaum kuratierte internationale Sonderausstellung hebt nicht nur die Ländergrenzen auf; unter dem Motto „Making Worlds“ sollen die von ihm ausgewählten Werke „eine Vision der Welt, eine Art des Weltenmachens repräsentieren“. In Schweden geboren ist Birnbaum seit 2001 Rektor an der Frankfurter Städelschule. Seine Nähe zum konkreten künstlerischen Schaffensakt, aber auch sein Philosophiestudium schimmern deutlich durch das Ausstellungskonzept. „Im Schwedischen hat ‚Weltenmachen’ eine stark religiöse Konnotation,“ erklärt Birnbaum, „im Italienischen eher eine philosophische, im Englischen eine handwerkliche, im Französischen eine architektonische.“ Und im Deutschen? Nostalgisch gesonnene Bildungsbürger erinnern sich vielleicht an den Geniekult des 18. Jahrhunderts und insbesondere Johann Gottfried Herder, der den Künstler zum gottähnlichen Schöpfer erhob. Naheliegender ist die postmoderne Verabschiedung einer Welt im westlich definierten Singular.

In 80 Sprachen wurde das Motto für den Biennale-Katalog übersetzt. Briefköpfe und Informationsmaterialen zeigen zumindest drei Sprachen: Englisch (Weltsprache), Italienisch (Gastgeberland) und „eine für die jeweilige Zielgruppe fremd wirkende Variante“ (Biennale-Pressestelle), so z. B. chinesische Zeichen.

Auf der Berliner Pressekonferenz kommt Birnbaum einer Nachfrage vorweg: er könne aus dem Stegreif keine Auskunft über die Bedeutung der einzelnen Zeichen geben. Was in der Übersetzung des Mottos als „制造世界 (zhi zao shi jie)“ alles mitschwingt macht eine Diskussion mit in Deutschland lebenden Chinesen deutlich.

„Nein“, nach Kunstschaffen klinge das nicht, lautet eine prompte Antwort. Das hier verwendete Zeichen für ‚machen’ (制造, zhi zao) komme eher aus dem industriellen Bereich, meine die serielle Fertigung von Dingen. „Für ‚Schaffen’ im kreativen Sinne würden wir ‚chuang zao’ (创造) verwenden. Ich sehe da eher Fabrikarbeiter aus Guangdong vor mir.“ Eine Künstlerin hat einen dritten Vorschlag: „Ich hätte ‚da zao’ (打造) besser gefunden, da wird das selbstbestimmte Tun, das Schaffen mit den eigenen Händen betont“, ‚chuang zao’ sei zu pathetisch.

Warum sich Birnbaum und sein Korrespondenten-Team (u. a. der chinesische Kunstkritiker Hu Fang) für das pragmatische „zhi zao“ entschieden, lässt der folgende Kommentar eines chinesischen Germanisten ahnen: „Ich denke sofort an das Label ‚Made in China’, das heißt nämlich ‚zhong guo zhi zao’, wörtlich übersetzt ‚China machen’.“ Indem das chinesische Biennale-Motto das „machen“ aber an den Anfang des Satzes stellt, fehlt das Subjekt und die Welten werden zum Objekt. „Man fragt sich sofort, wer hier die Welten macht? Der Akt des Produzierens, d. h. das Kunstschaffen wird in seiner Bedeutung betont.“

Deutlich wird bereits an diesem Punkt, dass vier Zeichen eine ‚Welt an sich’ sein können. Birnbaum macht uns mit seinem Motto also schon vorab zu Reisenden. Ob die gezeigte Kunst Aufschluss darüber geben wird, in welchem Land wir uns befinden, oder einen konkreten Verortungsversuch gar irrelevant werden lässt, bleibt abzuwarten.


Erstveröffentlichung: taz kultur