Als wäre Zukunft nicht denkbar ( cn )

Deutsch-Chinesisches Kulturnetz, 2010-05

Am 11. Juni 2010 beginnt die 6. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst. Noch bis Ende April 2010 war die vollständige Liste der Künstler nicht bekannt. Als Vorgeschmack auf das, was zu erwarten ist, startete im Januar das durch die Europäische Kommission geförderte Projekt Artists Beyond, das sich zum Ziel gesetzt hat, künstlerische Arbeit als Entstehungsprozess in öffentlichen Veranstaltungen vorzustellen. Sieben Künstlerinnen und Künstler sind derzeit in Amsterdam, Istanbul, Priştina, Kopenhagen, Wien, Paris und Berlin an Artists Beyond beteiligt. Wie Künstler auf die Veränderungen in der sie umgebenden Lebenswirklichkeit reagieren, soll hier nachvollziehbar gemacht werden.

Um ein breites Spektrum an konzeptionellen und ästhetischen Umsetzungsformen anzubieten, hat sich Kuratorin Kathrin Rhomberg in Berlin unter anderem für Ausstellungsorte in Bezirken entschieden, in denen der Anteil an Bewohnern mit Migrationshintergrund relativ hoch ist. Leuchtet hier der Bezug zur Biennale-Leitfrage „Glauben Sie an die Wirklichkeit?“ noch unvermittelt ein, so überrascht Rhombergs Einladung des New Yorker Kunsthistorikers Michael Fried doch sehr. So bat sie ihn in Zusammenarbeit mit der Alten Nationalgalerie und dem Kupferstichkabinett, eine Ausstellung mit Zeichnungen von Adolph Menzel (1815–1905) zu kuratieren.

Europa und darüber hinaus

„In der gegenwärtigen Kunstwelt lässt sich ein retrospektiver Blick ebenso erkennen, wie neue Formen des l’art pour l’art, des Eskapismus oder der Rückkehr zu formalen und ästhetischen Fragestellungen“, so Kathrin Rhomberg und schickt auch gleich eine Vermutung über die Ursache dieser Entwicklung nach: „Als wäre die Beziehung zu Gegenwart und Wirklichkeit brüchig und resignativ geworden, als wäre die Zukunft nicht denkbar. Als fehle es an Begriffen und Vorstellungen, die eine Orientierung in dieser neuen, verunsicherten Welt zuließen.“ Diese Beobachtung motivierte sie auch zu den Fragestellungen, die der 6. Berlin Biennale zugrunde liegen.

Bis nach Asien reicht der Einzugsbereich der ausgewählten Künstler von Artists Beyond nicht, sagt Rhomberg. „Die Berlin Biennale findet in Europa statt,“ erklärt sie ihre Auswahlkriterien, „von daher haben wir uns bei den Auftaktveranstaltungen auf die benachbarten Länder konzentriert.“ Die teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler lebten und arbeiteten zwar in europäischen Ländern, ergänzt die Kuratorin, stammten aber nicht alle aus Europa. Auf die Frage, inwiefern es denn überhaupt noch sinnvoll sei, auf die nationale Herkunft eines Künstlers zu rekurrieren, betont Romberg, dass es ihr vielmehr darum gehe, die Aufmerksamkeit auf die „vielfältigen künstlerischen Zugänge“ zu richten, „die sich aus den jeweiligen gesellschaftspolitischen und traditionellen Kontexten heraus ergeben“.

Auch wenn an der 6. Berlin Biennale keine Künstler aus China teilnehmen, so ist eine spezifisch deutsch-chinesische Perspektive auf den zu erwartenden Berliner Kunstsommer durchaus interessant, insbesondere in Bezug auf das Zusammentreffen des Klassikers Menzel mit künstlerischen Positionen des 21. Jahrhunderts. Denn während eine Rückversicherung des Gegenwärtigen über einen Blick in die eigene Tradition bei chinesischen Künstlern ein keinesfalls seltenes Phänomen ist, so setzte sich eine solche Orientierungsstrategie im Westen lange Zeit der Gefahr aus, als Unfähigkeit zum autonomen Kunstschaffen ausgelegt zu werden.

Dies scheint sich in den letzten Jahren zu ändern. So avancieren Überblicksausstellungen zu alten Meistern oder Klassikern der Moderne, aber auch thematische Rückschauen zu Kunstströmungen wie Minimalismus oder Expressionismus zu Kassenschlagern. Andere Ausstellungen, wie eben auch die 6. Berlin Biennale, bringen traditionelle und zeitgenössische Werke zusammen. Vielleicht aktiviert in dieser Hinsicht das wohl weltweit zu konstatierende Gefühl einer „brüchig und resignativ gewordenen Beziehung zu Gegenwart und Wirklichkeit“ (Kathrin Rhomberg) ähnliche künstlerische Reflexionsstrategien.

Adolph Menzel und die Gegenwartskunst des 21. Jahrhunderts

Mit einer Zeitschleife von mehr als 100 Jahren macht Kathrin Rhomberg einen der bedeutendsten Maler und Zeichner des Realismus, den für seine Darstellungen des repräsentativen Berlins um 1900 bekannten Adolph Menzel, zum ideellen Weggefährten der Biennale-Künstler. Dabei interessieren Rhomberg aber weniger die großformatigen Ölbilder, als vielmehr Menzels Zeichnungen, die dieser für sich und nicht für den Verkauf schuf. In seinen oftmals mit schnellstem Strich festgehaltenen Studien fängt Menzel zum Beispiel das Leben der einfachen Arbeiter ein und erklärt es damit für kunstwürdig. Schockierend, weil selbst schockiert, zeigt er verletzte und sogar tote Soldaten und Offiziere – Opfer des österreichisch-preußischen Krieges – schonungslos detailliert. Ganz auf sich selbst bezogen und bar jeglicher Idealisierung entstehen Zeichnungen des eigenen, vom Altern geprägten Körpers. Alltagsdinge wie Bücherregale oder zerwühltes Bettzeug bezeugen, dass auch diese simplen Gebrauchsgegenstände seiner Besessenheit zur Dokumentation nicht entgingen. Aber was hat all dies mit der Wirklichkeit des 21. Jahrhunderts zu tun?

„Mit seiner Kunst vertritt Menzel ein Jahrhundert, das für ein besseres Verständnis unserer Gegenwart aufschlussreich sein könnte“, erklärt Kathrin Rhomberg ihre Entscheidung für die Kooperation mit der von dem Kunsthistoriker Michael Fried kuratierten Ausstellung des Altmeisters. Wie kaum ein anderer habe Menzel den gewaltigen gesellschaftlichen Wandel Berlins in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in seiner Kunst festgehalten. Rhomberg verweist darauf, dass sich damals die Bevölkerung der Stadt in kürzester Zeit verdoppelt habe, dass „Industrialisierung und wachsender Kapitalismus zu sozialen Verwerfungen führten“ und die Gegensätze zwischen Klassen und zwischen Stadt- und Landbevölkerung immer krasser wurden. „Begriffe wie ‚Entfremdung’ konnten entstehen“, schließt Rhomberg den Blick zurück auf das Berlin der Menzel-Zeit, um dann auf das Vergleichsmoment zwischen ‚Gestern und Heute’ zu sprechen zu kommen: „Seit den 1990er Jahren erleben wir eine vergleichbare, tiefgreifende gesellschaftspolitische Veränderung. Die künstlerischen Antworten, die Adolph Menzel gefunden hat, können dazu beitragen, eine neue Aufmerksamkeit für heutige Fragen zu schaffen.“

Wie kann man Menzels Strategie beschreiben, mit der er den ‚Geist seiner Zeit’ in seinen Werken visualisiert hat? Unübersehbar ist sicherlich sein Wille, das, was Kunst soll und kann, neu zu konturieren. So zeugt sein Schaffen von großem Respekt vor Lebenswirklichkeiten, die er selbst nur aus der Beobachterposition heraus kennt. Er mutet dem Betrachter ernüchternde, deprimierende und sogar schmerzliche Szenen zu. Die intimen Darstellungen des eigenen Körpers lassen ahnen, dass er sich trotz dieser offensichtlich selbst gewählten Rolle des Chronisten nicht verloren gegangen ist. Wenn schon Zukunft schwer denkbar ist, so ist eine Aufgabe der Kunst wohl bis heute, Einsichten in Facetten der Gegenwart zu gewähren, die ansonsten übersehen oder ignoriert werden könnten.


Erstveröffentlichung: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz

Berlin Biennale for Contemporary Art