Was ist Aufklärung? ( cn )

Deutsch-Chinesisches Kulturnetz, 2010-11

Nach langjähriger deutsch-chinesischer Planungsarbeit eröffnet am 1. April 2011 die Ausstellung Die Kunst der Aufklärung im Chinesischen Nationalmuseum in Peking.

Auf einer Gesamtfläche von 2700 Quadratmetern und mit mehr als 400 Exponaten sei die Ausstellung Die Kunst der Aufklärung die größte Präsentation zur europäischen Kunst der Aufklärung in Asien, verkündet der Pressetext. Eine langjährige Planungsphase geht dem Projekt voraus. So entstand die Idee zum Ausstellungsthema in der Zusammenarbeit der Staatlichen Museen zu Berlin, der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München mit den chinesischen Kollegen des Nationalmuseums. Auch die Sektionen-Einteilung und die Auswahl der Exponate erfolgten im deutsch-chinesischen Tandem.

„Im Mittelpunkt stehen dabei Kunstwerke, in denen die zentralen Ideen der Aufklärung sichtbar werden, ihr Einfluss auf die Bildenden Künste sowie ihre Wirkungsgeschichte von den künstlerischen Revolutionen des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart“, so das Statement der Organisatoren. Eine Ausstellung der Superlative, die höchste Erwartungen weckt. Zudem könnte es wohl kaum einen geschichtsträchtigeren Ort für diese nach Asien ausgelagerte Reflexion europäischen Selbstverständnisses geben als das Pekinger Nationalmuseum, das ehemals Museum für die Chinesische Revolution und die Chinesische Geschichte hieß und direkt am Platz des Himmlischen Friedens gelegen ist.

Ins 18. Jahrhundert und zurück in die Gegenwart

„Die Ausstellung eröffnet die Bilderwelt einer Epoche an der Schwelle zur Moderne, deren Ideen für die Kunst bis heute von programmatischer Bedeutung sind und für das chinesische Publikum in ihrer Vielfalt lebendig werden sollen“, so die Generaldirektoren der Museen, Michael Eissenhauer, Berlin, Martin Roth, Dresden, und Klaus Schrenk, München. „Die Auswahl der Werke erfolgte in ständiger wechselseitiger Diskussion“ erzählt Kuratorin Cordula Bischoff im Rückblick auf die Entstehung der Ausstellung. „Ein Wunsch Pekings war beispielsweise, dass nicht nur Gemälde, sondern auch Graphiken, Bücher, kunstgewerbliche Objekte und technische Geräte ausgestellt werden sollten. Wir haben für jede thematische Einheit Vorschläge entwickelt, diese dann mit den chinesischen Kollegen durchgesprochen und dann gekürzt beziehungsweise erweitert.“

In acht von neun Sektionen wird der Ausstellungsbesucher ins 18. Jahrhundert geführt. Titel wie z. B. Höfisches Leben im Zeitalter der Aufklärung oder Perspektiven des Wissens sprechen für sich. In Ferne und Nähe sei „der Aufbruch Europas in die Welt ein Schwerpunkt“, so Cordula Bischoff. Gemälde von Claude Joseph Vernet, Graphiken, Hafenansichten von Jacques Philippe Le Bas, und nautische Instrumente spiegelten die Bedeutung der Seefahrt wider. Die großen Entdeckungsreisen (Cook, Forster, Humboldt) werden durch Globen, Karten und ethnographische Exponate dargestellt. Das Phänomen der Chinoiserie, das ja bereits im 17. Jahrhundert einsetzt, wird durch Bücher und Graphiken, aber auch durch chinesische Exportwaren, wie z. B. Porzellan beleuchtet. Figuren eines großen ‚Theatrum mundi’, eines auf Jahrmärkten um 1800 gezeigten Weltpanoramas, greifen die Themen Europa, Afrika und China auf.

Die Sektion Liebe und Empfindsamkeit blickt hinter die Fassaden. Hier werden Werke gezeigt, in denen sich das verändernde Bild von Familie und Ehe widerspiegelt. Das Konzept der Liebe als Grundlage der Beziehungen löste ein bloßes Standesdenken ab. Neben einer neuen „Freiheit der Gefühle“ sollen die sozialkritischen und emanzipatorischen Tendenzen der Aufklärung reflektiert werden. Während in diesen Sektionen der Rückblick ins 18. Jahrhundert doch sehr stark kulturhistorisch erfolgt, so werden unter dem Titel Nachtseiten die seelischen Abgründe des Menschen und dessen dunkle, irrationale Seite als „Kehrseite der lichten, vernunftgeleiteten Verstandeswelt“ anvisiert.

Die für den Ausstellungsort brisanten Aspekte des Aufklärungszeitalters können bei diesen Sektionen relativ problemlos ausgeblendet werden. Mit Spannung bleibt zu erwarten, wie dieser Balanceakt beim Thema Emanzipation und Öffentlichkeit gelingt.

Wiederum auf sicherem Terrain bewegt sich die neunte und damit letzte Abteilung Projekt Aufklärung? Um der Idee der Aufklärung als unabgeschlossenem Prozess Rechnung zu tragen, soll in diesem Ausblick die Brücke von der Kunst des 18. Jahrhunderts bis in die Gegenwart geschlagen werden. Mit Werken, die in und nach den 1960er Jahren entstanden, wolle man „das neue Menschenbild und die revolutionären Ideen der europäischen Gegenwartskunst mit Werken von z. B. Warhol, Beuys, Baselitz und Penck“ sichtbar machen, so Cordula Bischoff.

Die Schattenseiten der Aufklärung

Schließen Sie die Augen. Welche Kunstwerke sehen Sie, wenn man Ihnen das Stichwort „Kunst der Aufklärung“ gibt?

Jacques-Louis Davids Der Tod des Marat (1793) gilt als eine der berühmtesten Darstellungen, die sich auf die Ereignisse der französischen Revolution bezieht. Bis heute hat das Bild des in seinem eigenen Blut badenden Jean-Paul Marat nichts an Grausamkeit verloren.

Oder ist es vielleicht Francisco Goyas Die Erschießung der Aufständischen am 3. Mai 1808 (1814).? Erschreckend an diesem Meisterwerk ist nicht nur die Angst in den Augen der Aufständischen, sondern auch, dass der Betrachter perspektivisch auf die Seite des Erschießungskommandos gezwungen wird.

Wer an England denkt, dem kommen vielleicht eher William Hogarths Modern Moral Subjects (1732) in den Sinn. Im Medium der Zeichnung erhob der passionierte Kritiker und Karikaturist das Elend des einfachen Volkes und den moralischen Verfall seiner Zeit zum Thema der Kunst.

Deutsche Künstler artikulierten ihre Sicht auf den sogenannten ‚Umbruch zur Moderne’ u. a. im Rahmen der Antikerezeption. Der Literaturwissenschaftler Peter Szondi bringt dieses Spannungsverhältnis auf die Formel: Die Ästhetiker der Goethezeit seien „verzweifelt bestrebt, die Moderne bejahen zu können, ohne die Antike zu verleugnen; der Antike treu zu bleiben, ohne das Eigne verleugnen zu müssen.“ Wie Krisenbewusstsein und Antikenverehrung in einem Werk zusammenklingen können, zeigen u. a. die Konturzeichnungen von Asmus Jakob Carstens. Die einst starken und idealtypischen Helden des Homer setzt er melancholisch und handlungsunfähig in Situationen des Abschieds- oder der Trauer in Szene. Auch diesen Arbeiten kann die vergehende Zeit nichts von ihrer auf den Betrachter übergreifenden Intensität nehmen.

Noch sind nicht alle Werke der Pekinger Ausstellung bekannt. Chodowiecki, Hogarth, Watteau, Boucher, Pesne, Füssli, Piranesi und auch Goya werden dabei sein, Asmus Jakob Carstens nicht. Auch Davids Der Tod des Marat und Francisco Goyas Die Erschießung der Aufständischen am 3. Mai 1808 treten die Reise gen China nicht an. „Da sie sich nicht in unseren drei Museumsverbünden befinden, werden sie auch nicht gezeigt. Wir stellen ausschließlich Exponate aus Berlin, Dresden und München aus“, erfahren wir von Cordula Bischoff.

„Was ist Aufklärung?“, mit dieser Frage hatte der Berliner Pfarrer Johann Friedrich Zöller in der Dezember-Ausgabe der Berlinischen Monatsschrift von 1783 eine breite Diskussion unter deutschen Intellektuellen angestoßen. Die berühmteste Antwort gab Immanuel Kant: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“ Er schließt mit der wohl niemals an Aktualität verlierenden Aufforderung: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“

Ort und Laufzeit der Ausstellung

Nationalmuseum Peking
Fr 1. April 2011 - Sa 31. März 2012


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