Ai Weiwei (艾未未) und die Superlative der Kunst ( cn )

Deutsch-Chinesisches Kulturnetz, 2009-10

Unter dem Titel So Sorry präsentiert das Münchener Haus der Kunst Installationen, Skulpturen, Fotografien und Filme des Pekinger Künstlers Ai Weiwei.

9000 Kinderrucksäcke formieren sich zu riesigen Schriftzeichen. Ein Teppich von nahezu 400 Quadratmetern nimmt die Spuren des darunter liegenden Fußbodens auf. Auch die bei der letzten Documenta in Kassel eingestürzte Skulptur Template aus 1001 Türen wurde für die Soloausstellung des Pekinger Künstlers Ai Weiwei erneut nach Deutschland gebracht.

Das Hierarchiebedürfnis der Medien

Wenn in den deutschen Medien von dem Pekinger Künstler Ai Weiwei (geb. 1957) die Rede ist, so scheint zumindest ein Superlativ unumgänglich: er sei der „wichtigste Künstler Chinas“ heißt es in Zeitungen, Zeitschriften, Fernseh- und Radiobeiträgen in monotonem Gleichklang. Die Presseerklärung zum Ausstellungskatalog nennt Ai Weiwei den „obersten Dolmetscher seines Landes in der westlichen Welt“. Die Wochenzeitschrift Zeit (2.10.2009) bescheinigt ihm „wie kein anderer chinesischer Künstler gegen das Unrecht in seinem Land“ zu kämpfen. Nicht vergessen wird der Hinweis auf Ai Weiweis Documenta-Aktion, die 1001 Chinesen nach Kassel brachte und sein Entwurf für das Pekinger Olympiastadion. Dass Ai sich in jüngster Vergangenheit mit Hunderten freiwilliger Helfer in die südchinesische Provinz Sichuan begab, um durch Umfragen die immer noch im Dunkeln liegende Zahl der bei dem Erdbeben vom 12. Mai 2008 ums Leben gekommenen Kinder zu ermitteln, erweiterte das Spektrum seiner superlativischen Aktionen um eine weitere Fassette.

Das am Beispiel Ai Weiwei zu Tage tretende Bedürfnis nach einer Hierarchisierung, an deren Spitze nur noch ein einziger Name steht, ist ebenso fragwürdig, wie Interviewäußerungen des Künstlers (1) selbst, in denen er dieser Form der faktischen Verkürzung Vorschub leistet. Denn fast selbstredend betonen Kenner der chinesischen Kunstszene, dass zumindest einem Dutzend Künstlern aus der Generation von Ai Weiwei ein Platz in der Kunstgeschichte Chinas sicher ist. Der Unterschied zwischen Ai und international geschätzten Künstlerkollegen wie Chen Zhen (陈箴), Xu Bing (徐冰), Huang Yongping (黄永砅), Cai Guoqiang (蔡国强) oder Gu Wenda (谷文达) – um nur einige Namen zu nennen – ist, dass deren Werke in ihrer Argumentation und Ästhetik, aber noch mehr ihr persönliches Auftreten, einer sensationsorientierten Medienberichterstattung weniger Anknüpfungspunkte bieten.

Dimensionen des Erinnerns

Als Referenz an die Todesopfer von Sichuan aber auch als unmissverständliche Kritik an den mit minderwertigem Material gebauten Schulen, die bei dem Erdbeben wie Kartenhäuser zusammenstürzten, entstand die Wandarbeit Remembering (2009). Auf der Eingangsfassade des Münchener Museums über die Länge von 100 Metern installiert, bilden nun 9000 Kinderrucksäcke in den Farben Rot, Grün, Blau und Gelb die Schriftzeichen „她在这个世界上幸福生活了七年“: „Sieben Jahre lebte sie glücklich in dieser Welt“. Mit diesen Worten, so Ai Weiwei, hatte eine Mutter ihrer Tochter gedacht, nachdem diese bei dem verheerenden Erdbeben ums Leben gekommen war. Die emotionale Schlagkraft des visuellen Statements verwundert nicht. Irritierend hingegen ist die Kombination des Mahnmals mit roten Fahnen, die die Straße vor dem Museum säumen und Ai Weiwei schmunzelnd und mit flügelartig vom Kopf abstehenden Haaren zeigen. Wie passt das Image des „Guten Menschen von Sichuan“ (Süddeutsche Zeitung, 10./11.Oktober 2009) mit dem nicht zum ersten Mal durch den Künstler selbst provozierten Gestus des Spaßvogels zusammen? Sich selbstironisch aber nicht weniger hybrid als die chinesische Version des Götterboten Hermes – Kennzeichen: Flügelhelm! – zu inszenieren, wirkt in Anbetracht der künstlerisch in Szene gesetzten Trauerarbeit pietätlos.

Der Versuch Ai Weiweis Aktivitäten vom Ende der 1970er Jahre bis heute unter ein Label zu subsumieren, muss scheitern, das macht die Ausstellung So Sorry deutlich. Mal agiert er als dokumentarischer Fotograf, mal als Installationskünstler, Kurator, Architekt, Kritiker oder eben als Organisator von Großereignissen. Schon die in München gezeigten Kunstwerke schlagen extrem unterschiedliche Tonlagen an. Arbeitet Remembering wirkungsästhetisch mit den eindimensionalen und grellen Mitteln von Propagandaplakaten, so besticht der 380 Quadratmeter große Wollteppich Soft Ground (2009) im Zentrum der Ausstellung durch eine für jeden Besucher individuell erfahrbare Sinnlichkeit. Ai Weiwei ließ für diese Arbeit die steinernen Bodenfließen des Museums exakt kopieren – inklusive aller Spuren, die 70 Jahre Ausstellungsbetrieb hinterlassen haben. Die Brisanz dieser Zeitkonserve liegt in der Geschichte des Ortes, denn schließlich hatte kein Geringerer als Adolf Hitler das Gebäude für seine Leistungsschauen deutscher Kunst in Auftrag gegeben. Was Stein war, wird nun dichtes Gewebe und ist als solches Erinnerungsarbeit im internationalen Diskurs. Es ist zu hoffen, dass Soft Ground dem Haus der Kunst auch nach dem Ende der Ausstellung erhalten bleibt.

Gegenwärtige Vergangenheit

In vielen Installationen und Aktionen von Ai Weiwei ist die Vergangenheit Chinas aufgehoben. Mobiliar, aber auch Türen, Fenster und Balken zerstörter Häuser und Tempel aus der Ming und Qing Dynastie (1368-1911) formieren sich zu abstrakten, raumgreifenden Gebilden (Table and Beam, 2008), schaffen kontemplative Hohlräume (Template, 2007) oder wachsen – Holzstück an Holzstück gelegt – zur Map of China (2004). Hier zeigt sich der Künstler Ai Weiwei, weniger der Aktionist oder Regimekritiker. Mit aggressivem Gestus hingegen verabschiedet er in der Fotoserie Dropping a Han Dynasty Urn (1995) eine unreflektierte Form der Traditionsverhaftetheit.

Der Ausstellungstitel So Sorry nimmt Bezug auf eine sehr viel persönlichere Art der Rückschau. Im Interview mit Hanno Rauterberg (Zeit, 2.10.2009) erzählt Ai Weiwei von seinen traumatisch besetzten Erinnerungen an die Verbannung seiner Familie von Peking in die 3000 km entfernte Grenzregion Xinjiang. Sein Vater, der berühmte Dichter Ai Qing (艾青), gehörte zu den Intellektuellen, die Mao Zedong zur Umerziehung aufs Land schickte. Die Demütigungen dieser Zeit, aber auch die wortkarge Rehabilitation des Vaters nach dem Ende der Kulturrevolution, hätten ihn in eine tiefe Depression gestürzt. Die Kunst sei seine Form der Verarbeitung dieser Erlebnisse. „Für sie war es ein Satz, für mich waren es zwanzig Jahre, hat mein Vater oft gesagt“, so Ai Weiwei im Gespräch mit Hanno Rauterberg.

Auf seine Rolle als „wohl wichtigster, bekanntester Kämpfer gegen das Urecht im Riesenreich China“ (Zeit, 2.10.2009) angesprochen, antwortet Ai Weiwei: „Ich habe nichts dazu beigetragen. Die anderen waren es, die Interviews. Ich bin wohl der am meisten interviewte Mensch in China.“ Und schon wieder regnet es Superlative, sowohl auf der Seite des Fragenden, als auch in der Antwort. Doch was kommt, wenn der Applaus verhallt? Und was verschwindet alles im Schatten der Scheinwerfer, die so gar nicht gewillt zu sein scheinen, nach rechts und links zu schwenken. Zeigt sich an der medialen Stilisierung von Ai Weiwei zum Einzelkämpfer nicht vielmehr das altbekannte Bedürfnis des Westens, das „Riesenreich China“ in seiner naturgemäß nicht auf einen Begriff zu bringenden Dynamik dennoch in ein Schwarz-Weiß-Raster zu bannen?

Ai Weiwei: So Sorry, Haus der Kunst, München, noch bis zum 17. Januar 2010


1 „Es gibt jetzt viele Ausstellungen in China, doch sie helfen kaum und haben keinen Sinn. Das sind nur Krämer; Krämer, wie man sie auf der Straße sieht, wo alle dasselbe verhökern und sich gegenseitig ärgern und miteinander konkurrieren. Es ist alles nur auf den Markt zugeschnitten und hat mit Kunst nichts zu tun.“ (zit. aus dem Pressematerial zur Ausstellung So Sorry. Diese und andere Zitate von Ai Weiwei finden sich auf den Wänden der Ausstellungshallen.)

Erstveröffentlichung: Deutsch-Chinesisches Kulturnetz

Haus der Kunst