Gewalt an toter Natur.
Ai Weiwei in der Galerie neugerriemschneider

Traffic – News To Go, Ausgabe Nr. 14, April/Mai 2011

„Und das bringt mich dazu zu sagen, dass ein Werk vollständig von denjenigen gemacht wird, die es betrachten oder es lesen und die es, durch ihren Beifall oder sogar durch ihre Verwerfung, überdauern lassen.“ (Marcel Duchamp, 1956)

Ai Weiweis Werk wird somit wohl überdauern. Beifall und Verwerfung – bis hin zur lebensbedrohlichen Konsequenz – hat er mit seiner Kunst, seinen Aktionen und Äußerungen aktiviert. Immer wieder betonte Ai Weiwei seine Hochachtung vor dem französischen Kunst-Revolutionär. Seine eigene Documenta-Aktion, die 1001 Chinesen, 1001 antike Stühle und 1001 Türen von zerstörten tradtionellen Häusern 2007 nach Kassel brachte, bezeichnete er schlüssisger Weise als zeitgenössiche Form von Duchamps „ready-made“.

An die Stelle von Beifall tritt in diesen Tagen Besorgnis. Ai Weiweis offiziell angeordnete Verschleppung an einen unbekannten Ort verändert auch den Blick auf seine in diesem Jahr entstandenen Arbeiten Rock (2011) und Tree (2011), die bis zum 4. Juni in der Berliner Galerie neugerriemschneider zu sehen sind. Es ist zu befürchten, dass der Künstler nicht – wie eigentlich geplant – bei der Eröffnung anwesend sein wird.

Aber auch die Millionen handbemalter Sonnenblumenkerne in der Londoner Tate Gallery (bis 2. Mai) und, rückblickend, die fotografische Ikone der chinesischen Gegenwartskunst Dropping a Han Dynasty Urn (1995), umgibt derzeit eine lähmende Aura. Dabei ist es gerade Ai Weiweis kraftvoller Trotz, sein „Dennoch“ und „Gerade jetzt“, wofür ihn die Kunstwelt bewundert. Die Grenze der Selbstgefährdung überschritt er bereits durch sein Engagement für die Erdbebenopfer in Sichuan. Trauer und Schmerz der verwaisten Eltern und ihre traumatische Erstarrung werden in Ai Weiweis Wandfries aus leuchtend-bunten Schulranzen zur geballten Faust gegen die schlechte Bausubstanz der Schulen, die die Kinder unter sich begruben.

In diesem kreativen Aufbegehren gegen das Unerträgliche tritt Ai Weiwei das Erbe seines Vaters, des berühmten Dichters Ai Qing, an.

„I always remember my father saying before he passed away: ‚This is your country. You don’t have to be so polite.’” (Ai Weiwei)

In Deutschland war es das Trauma des Dritten Reichs, das für die kommenden Künstlergenerationen eine identifikatorische Beziehung zur Heimat zerstörte. Chinas Intellektuelle und so auch Ai Weiwei lassen in ihren Werken nicht selten die tiefe Verbundenheit mit ihrer Geschichte aufscheinen – trotz Kulturrevolution, Tiananmen-Massaker und den aktuellen Repressionen. Ohne Nostalgie, sondern als Kraftgeste gen Zukunft! Wenn Ai Weiwei in der dreiteiligen Fotografie Dropping a Han Dynasty Urn eine Urne aus der Han-Zeit (206 v. Chr.-220 n. Chr.) gezielt fallen läßt und diesen Prozeß als aktive Handlung im Bild festhält, so zerschlägt er sinnbildlich das Gefäß mit der Asche seiner Ahnen.

„Alles Alte war der Zerstörung geweiht“, erzählt Ai Weiwei im Gespräch. „Nicht nur Klöster! In jedem Haushalt wurde das alte Porzellan zerschlagen, Bilder und Kalligrafien wurden verbrannt. Ich musste meinem Vater dabei helfen, seine Bücher zu verbrennen.“

Auch wenn Ai Weiwei gleich darauf die Frage stellt, was den Chinesen ihre vielbeschworene 5000-jährige Geschichte denn letztendlich eingebracht hätte, so wirkt diese Relativierung des eigenen Schmerzes eher wie eine Überlebensstrategie.

Handbemalte Sonnenblumenkerne, millionenfach in Kleinstarbeit von 1600 chinesischen Arbeitern in zwei Jahren gefertigt, lässt Ai Weiwei in die Turbinenhalle der Londoner Tate kippen und lädt Besucher aus aller Welt dazu ein, auf ihnen herumzulaufen. Der im englischen Exil lebende chinesische Autor Ma Jian – bekannt geworden durch seinen an das Tiananmen-Massaker erinnernden Roman Peking Koma (2008) – sieht die Installation in diesen Tagen als eine Vorausschau auf Ai Weiweis Schicksal: „Er ist zum Sonnenblumenkern geworden, auf dem die chinesische Staatsmacht herumtrampelt.“

Wie harmlos wirken da auf den ersten Blick die Werke Rock (2011) und Tree (2011), die neugerriemschneider ab dem Berliner Gallery Weekend und bis zum 4. Juni zeigt. In ihrer Künstlichkeit kitschige weiße Ziersteine werden bezeichnender Weise von einigen Ausstellungsbesuchern als Sitzelemente genutzt. Aus wertvollstem Porzellan in tradtioneller chinesischer Technik gefertigt und mit blauen Zierbordüren bemalt, überblendet die scheinbare Lieblichkeit Ai Weiweis subtil formulierte Kulturkritik.

So zeigen sich erst aus nächster Nähe die Risse in der Objektoberfläche. Auch die wenig dekorativen Löcher, die die massigen Körper vor dem gänzlichen Zerbersten beim Brennvorgang schützten, betonen, dass es sich bei Rock (2011) keinesfalls um eine Hommage an die vielbeschworene Jahrtausende alte chinesische Hochkultur handelt. Vielmehr steigert Ai Weiwei das zwanghaft Kontrollierte des chinesischen Landschaftsgartens – nichts darf hier wachsen, wie es möchte! –, indem er an die Stelle von in Form getrimmten natürlichen Steinen seine hochglänzenden Porzellangebilde setzt. Kultur hat hier der Natur den Kampf angesagt. Natürliche Entfaltung reduziert sich auf den Widerstand des Materials.

Eine deutlichere Sprache sprechen die mit groben Stahlnägeln zusammen gezwungenen Baumfragment-Bäume (Tree, 2011), deren abgesplitterte Äste an die gläserne Galeriedecke stoßen. In ihrer grau ausgelaugten Morbidität waren sie niemals ein gewachsenes Ganzes. Diese Zeugnisse einer über den Tod hinaus aufgezwungenen Schein-Identität lassen in Anbetracht der Ungewissheit über die Lage, in der sich Ai Weiwei befindet, erschaudern.

„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf“, konstatierte der Philosoph Thomas Hobbes 1651 in seiner staatstheoretischen Schrift Leviathan or the Matter, Forme and Power of a Commonwealth Ecclesiastical and Civil und hatte dabei den vorstaatlichen Naturzustand des Menschen im Blick. In China ist gefährdet, wer nicht mit den Wölfen heult. Nur haben die Wölfe die Natur längst verlassen.

30. April – 4. Juni 2011
Galerie neugerriemschneider
Linienstraße 155
10115 Berlin


Erstveröffentlichung: Traffic