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Ai Weiwei auf der Documenta 12

Kunstzeitung 2007-09

Geschichte als Kontinuum von 3000 Jahren, das für den Einzelnen umstandslos bis heute Anknüpfungspunkte an die eigene Gegenwart bietet und Geschichtsentsorgung, die das Verhältnis zu Mao auf eine Formel „70% seiner Taten waren gut, 30% schlecht“ (Deng Xiaoping) reduziert: beide Haltungen führen in China eine friedliche Koexistenz. Da die nicht-offizielle Geschichtsschreibung eine nur schwache Tradition hat, kommt nicht zuletzt der chinesischen Gegenwartskunst die Vermittlerposition zwischen diesen beiden Extremen zu.

Template (Schablone) nennt der chinesische Künstler, Kurator und Architekt Ai Weiwei seine zwölf Meter hohe Skulptur, die während der diesjährigen Documenta und unweit der Aue-Pavillons zu einem der meistfotografierten Objekte der Kunstschau avancierte. War es Schicksal oder schlechtes Handwerk, dass das monumentale Gebilde kurz nach der Eröffnung durch ein Unwetter schiffsschraubenartig zusammensank?

1001 Türen und Fenster traditioneller Gebäude der Ming- und Qing-Dynastie (1368 – 1911), die dem chinesischen Modernisierungswahn zum Opfer gefallen waren, wurden für Template zu vier Flügeln montiert und so arrangiert, dass sie den Hohlraum eines Tempel-Pavillons nachbildeten. Relikte einer im Verschwinden begriffenen chinesischen Alltagskultur (Hofhäuser, kleine Gassen und Plätze) fügten sich in Template zu einem Ort der Leere. Ohne didaktischen Zeigefinger berührte dieses vergangenheitsgesättigte Werk in seiner sentimentalischen Erhabenheit. Während der Documenta-Vorbesichtigung, als es den Besuchern noch möglich war, sich ungehindert durch und um Template herum zu bewegen, stellte sich an diesem Ort ein, was der künstlerische Leiter der Documenta 12, Roger M. Buergel, für seine Schau programmatisch einforderte aber so wenig leistete: Kunst als sinnlich-spirituelles Erlebnis.

Ai Weiwei ist in aller Munde, in allen Medien, beim Bau des Olympia-Stadions und an mehreren internationalen Ausstellungen beteiligt. Auf der Documenta war er gleich noch mit seinem Fairytale-Projekt präsent, das 1001 Chinesen nach Kassel einlud und mit 1001 antiquarischen chinesischen Stühlen Erholung im Zustand der Reizüberflutung bot. Jedes der Projekte überzeugt, doch stellt sich bei soviel Dominanz auch ein nicht zu leugnendes Unbehagen ein. Welchen Sonderstatus hat hier ein einzelner Künstler auf der Documenta erhalten und wie fügt sich dieser in das kuratorische Konzept eines Roger M. Buergel? In Hinblick auf Ai Weiwei selbst stellt sich die Frage anders: so fehlten in den zahllosen Interviews bisher so gänzlich die leisesten Anflüge des kritischen Blicks auf die eigene „tollkühne Künstlerkarriere“ (Art Magazin, August 2007). Auch nutzte Ai seine Omnipräsenz nicht, um auf die sechs anderen auf der Documenta gezeigten Künstler seines Landes aufmerksam zu machen, die durchaus mit aussagekräftigen Arbeiten vertreten waren. Einen bitteren Nachgeschmack lässt zudem sein selbstgefälliges Statement zurück, in dem der Einsturz von Template flugs als ästhetischer Gewinn gewertet wurde, der sich in einer Verdopplung des Kaufpreises niederschlug. Dieses marktstrategische Kalkül schwächt nicht zuletzt die souveräne Geste der zur Rast einladenden 1001 Stühle.


Erstveröffentlichung: Kunstzeitung

Photos: Nadine Dinter